Im März 1993 treffen Nela und ich uns das erste Mal. Über die Reisebörse im “Tourenfahrer” hatten wir uns kennengelernt. Das Ziel ist Israel, der Tempel von Jerusalem. Zurück durch Jordanien, Syrien und die Türkei.

Die Route 1993 enthält einige Fährpassagen. Triest - Patras, Piräus - Haifa, Nuweiba - Aqaba und Marmaris - Venedig. Das ist nicht ideal, angesichts von nur 6 Wochen Zeit jedoch unvermeidbar. Auch sind einige Unwägbarkeiten im Spiel. Die Ausreise von Israel nach Jordanien ist nicht möglich. Ägypten ist das einzige arabische Land, das ‘93 die direkte Einreise gestattet. Somit war der “Umweg” über die Sinai Halbinsel vorgegeben.

Am 28. August 1993 um 2:15 morgens gibt mein Radiowecker das Signal zum Aufbruch. Viel geschlafen haben wir nicht. Bis spät in die Nacht hatten wir noch an unserer Ausrüstung gefeilt. Nun aber ist alle Müdigkeit dahin. Unser Ziel ist der Tempel von Jerusalem, die Stadt Petra, vor tausenden von Jahren in den Fels geschlagen, und die Syrische Wüste, wer kann da noch schlafen?

In pechschwarzer Nacht bei Nieselregen starten wir unsere beiden BMWs. Durch das schlafende München geht es auf die Autobahn nach Osten. Hinter Salzburg tanken wir, gönnen uns eine Tasse Kaffee und fahren weiter durch die regnerische Nacht über die Tauern, hinein nach Italien bis Triest. Hier liegt sie nun vor uns, die “EL Venizelos“ das größte Schiff der Anek Lines. Mit ihr wollen wir nach Patras in Griechenland, dann weiter nach Piräus und von dort nach Israel. Über die Sinai Halbinsel soll uns unsere Tour nach Jordanien führen. Von dort über Syrien, die Türkei und mit der Fähre zurück nach Italien, nach Venedig.

Zwei Mal hatten wir unseren Schlafplatz wegen des schlechten Wetters gewechselt, bis wir dann unser Domizil am Heck des riesigen Schiffes aufgeschlagen hatten. Immer wieder ergeben sich Gespräche mit anderen Bikern über das Woher und Wohin. In meinen Augen ist die Schiffspassage nach Griechenland immer noch die angenehmste und schönste Art, den Urlaub zu beginnen, trifft man doch so viele Gleichgesinnte und hat die Zeit, sich mit diesen über die jeweiligen Reisepläne zu unterhalten. Am Morgen des 3. Tages landen wir in Patras an. Nach einem kurzen Kaffee am Hafen brechen wir zügig auf, kreuzen den Kanal von Korinth und erreichen Piräus um zwei Uhr nachmittags. Wir kaufen die Tickets für die Passage nach Haifa und zurren kurze Zeit später die Motorräder im Laderaum der Fähre fest.

Für Deckspassage ist diese Nussschale nicht geeignet. Das kleine Schiff bietet kaum die Möglichkeit, seinen Schlafsack auszurollen. Zudem ist der Boden unglaublich dreckig und rußverschmiert. 3 volle Tage müssen wir auf diesem Dampfer verbringen, legen Zwischenstops ein auf Karpathos, Rhodos und Zypern. In Rhodos und Zypern gehen wir von Bord, sehen uns die Städte an. Die Duschen sind ein Thema für sich. Im gleichen Raum, wie die Kloschüssel hängt an einem Wasserhahn ein Schlauch. Gleichzeitig Sch... und Duschen – genial. Da in der Regel die Türen klemmen und man aus diesen „Nasszellen“ kaum wieder hinaus kommt, vermutlich sogar eine sinnvolle Kombination.

6 Tage nachdem wir in München aufgebrochen waren, betreten wir in Haifa israelischen Boden. Nachdem Jordanien und vor allem Syrien äusserst allergisch auf israelische Einreisestempel reagieren, hatten wir einen zusätzlichen Reisepass dabei, in den der israelische Zöllner nun seinen Stempel drückt.

Bereits am Vormittag ist es unglaublich heiß und wir fahren die Stadtautobahn in Richtung Akkon. Akkon ist eine alte Kreuzfahrerstadt und war seinerzeit eine der letzten „Bastionen“ überhaupt, welche die Kreuzritter im „Heiligen Land“ hatten. Nicht mehr viele Sehenswürdigkeiten gibt es aus dieser Zeit, jedoch immer noch ausreichend für ein volles Tagesprogramm. Es ist unglaublich angenehm, mit eigenen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein, nicht abhängig von einer Reisegruppe. Wir genießen es, im Schatten eines Cafés zu sitzen, kühles Quellwasser zu trinken und die Eindrücke auf uns wirken zu lassen. Dann heißt unser Ziel „See Genezareth“. Es ist schon beeindruckend, an der Stelle zu sitzen, an der Jesus einst über das Wasser ging. Wir haben einen Campingplatz gefunden. Der Platz ist fast leer und wir können uns richtig ausbreiten, unsere T-Shirts waschen, Postkarten schreiben. Bei einem traumhaften Sonnenuntergang verspeisen unsere letzten mitgebrachten Vorräte.

Der folgende Tag ist geprägt von Irrfahrten. Die Nebenstrassen sind meist hebräisch beschildert und nachdem Israel unglaublich schmal ist, landet man in der Regel in einem Kibbuz nahe des Grenzzauns. Am Nachmittag besuchen wir die Ruinen Caesareas am Meer, in welchen sich nun der ortsansässige Jachtclub befindet sowie ein Aquädukt aus römischer Zeit. Die nächsten Tage sind gezeichnet von Besuchen der biblischen Städten, wie Nazareth, Bethlehem und Jerusalem. Natürlich sind alle diese Orte zwischenzeitlich moderne Metropolen und haben nichts mehr gemein mit den kleinen Lehmhütten-Ansiedlungen aus den Zeiten des römischen Imperiums. Unwillkürlich erwartet man dies und ist dann doch enttäuscht, dass dort nicht ein Stall steht sondern ein zehnstöckiges Hochhaus.

Jerusalem liegt in den „West Banks“ seinerzeit eine Region, die mit Strassensperren abgeriegelt war. Wir konnten problemlos passieren, merkten aber schnell, dass hier „die Uhren anders liefen“. Die großteils arabische Bevölkerung sah uns stets mit gewissem Argwohn entgegen, bis sie merkten, dass wir keine Israelis sondern deutsche Touristen waren. Jerusalem ist die Hauptstadt dreier Weltreligionen. Die des Christentum, des Judentums und des Islam. Einmal mehr weicht die Realität von der ursprünglichen Vorstellung deutlich ab. Jerusalem selbst ist nichts anderes als eine Großstadt im Nahen Osten. Natürlich sind die ganzen historischen Städten beeindrucken. Angesichts der Menschenmassen und der touristischen „Aufbereitung“ vergeht jedoch der Zauber. Als mich dann auch noch ein Soldat anschnauzt, warum ich vor der Tempelmauer so lange herumstehe, habe ich die Nase voll und wir verlassen Jerusalem, fahren nach Süden, vorbei am Toten Meer und schlagen unser Zelt auf am Fuße einer Felsenlandschaft, durchzogen mit kleinen Höhlen

In nur wenigen Stunden durchfahren wir am folgenden Tag die Wüste Negev und erreichen Elat am Kopfende des Roten Meeres bereits am frühen Nachmittag. Wir wollten unser Zelt einfach an dem Kilometer langen Strand aufschlagen. Kaum hatten wir die Motorräder jedoch abgestellt, kam bereits ein Typ, der uns dringend davon abriet. “Den Behörden ist es egal aber mit fast 100 %-iger Sicherheit werdet Ihr ausgeraubt. Sie schneiden das Zelt auf und nehmen sich, was sie greifen können. Vergrabt Eure Pässe im Sand, das ist am besten...” Danke. Egal, ob wahr oder nicht, riskieren müssen wir das wirklich nicht gibt es doch ein paar Strassen weiter, ebenfalls direkt am Meer einen Campingplatz. Dorthin ziehen wir um und genießen unsere letzte Nacht im “Heiligen Land”

Es ist grotesk. Nur wenige Kilometer weiter, am Ostende des Bucht liegt Aqaba. Wir sehen die Lichter der Stadt zum Greifen nahe und dennoch von Israel aus unerreichbar. Morgen fahren wir nach Ägypten, in die “Wüste Sinai” von dort ist die Einreise per Schiff möglich. Am kommenden Vormittag stehen wir daher vor dem Grenzzaun in Taba. Die Israelis sind gut drauf und man winkt uns schnell weiter. Auf ägyptischer Seite geht dann erst mal gar nichts.
Die erste Passkontrolle, dann zur Polizei, dort sitzen wir und warten, und warten, und warten. Scheinbar ist gerade der Obermufti zur Kontrolle da. Alle kuschen und ein unglaublich fetter Typ mit Schweißperlen auf der Stirn blättert schweigend in Quadratmeter großen Büchern. Schließlich werden auch unsere Daten dort eingetragen, dann geht es zum Zoll das Carnet abstempeln. Anschließend zur Bank, Geld wechseln und zur Versicherung. Für Ägypten bekommen wir eigene, arabische Kennzeichen. Schließlich noch die letzt Passkontrolle, ein mit Maschendraht bespanntes Tor öffnet sich für uns und gibt den Weg frei nach Ägypten.

Wurden wir in Israel nur einmal kontrolliert, bei der “Einreise” auf die “West Bank”, so werden Strassenkontrollen nun zum gewohnten Bild. Bereits an der ersten, nach nur einigen Kilometern hinter der Grenze, wurde uns klar, warum die Israelis bisher alle Kriege in der Region gewannen. Der Soldat, der uns kontrollierte, zog seine Flinte am Lauf hinter sich her, die Schuhe waren nicht gebunden, das Hemd hing aus der Hose. Nett und freundlich war er, wenn auch wahrlich keine Respektsperson.

Unser direkter Weg führte uns nach Nuweiba. Von dort möchten wir in einigen Tagen das Schiff hinüber nach Jordanien nehmen. Wir erkundigen uns nach dem Fahrplan und den Kosten. Anschließend lassen wir uns ein kühles Wasser mit Limonensaft schmecken. Eine tolle Erfrischung, auf die wir immer wieder im weiteren Verlauf der Reise zurückkommen. Die Sinai Halbinsel verfügt über die wohl grandioseste Wüstenlandschaft im Nahen Osten. Aus einem Meer aus Sand steigen Berge in unterschiedlichsten Farben auf. Hinter jeder Kurve sind wir aufs neue verblüfft von der landschaftlichen Schönheit dieser Region.

Wir sind auf dem Weg zum Katharinenkloster im Inneren der Halbinsel und möchten diese Nacht fern ab jeglicher menschlicher Seele in der Wüste verbringen, kaufen noch etwas Fladenbrot, Tunfisch, Tomaten und Zwiebeln und suchen uns dann einen geeigneten Schlafplatz. Unter einem unglaublichen Sternenhimmel kochen wir Tee, essen zu Abend und blicken noch Stunden in die Nacht, bevor wir uns neben unseren Motorrädern, eingerollt in die Schlafsäcke, auf den Boden legen. Es ist kalt in der Nacht, doch schon mit den ersten Sonnenstrahlen kommt die Hitze. Zügig packen wir unsere Sachen zusammen und werden dabei von einigen Kamelen beobachtet, die ihre Köpfe immer wieder über ein paar Felsen heben, um in unsere Richtung zu blicken.

Zurück durch die Wüste in Richtung Süd Osten kommen uns Kolonnen von Militärs entgegen. Offensichtlich sind wir mitten in einem Manöver gelandet und befinden uns direkt im Aufmarschgebiet. Angesichts der Panzer wird uns klar, dass eine Nacht in der Wüste zahlreiche Gefahren bieten kann, unter anderem von einem querfeldein fahrenden Panzer überrollt zu werden. In Dahab, an der Ostküste, machen wir Station, schlagen für die Nacht im Garten eines Restaurants unser Zelt auf und fahren am kommenden Morgen weiter nach Sharm El Sheikh, nicht ohne unterwegs jedoch wenigstens ein Mal im Roten Meer gebadet zu haben.

Der südlichste Punkt unserer Reise ist erreicht. In wenigen Tagen geht unsere Fähre von Nuweiba hinüber nach Aqaba in Jordanien. Der City-Beach-Camping in Nuweiba sollte unser Domizil für diese Zeit sein. Neben einfachen Zimmern bietet man dort auch größere Zelte mit je 2 Feldbetten darin. Wir sind fast die einzigen Gäste und richten uns unter einer Palme, häuslich ein. Der Besitzer bringt uns sogar noch einige Teppiche und ab diesem Zeitpunkt nennen wir die Stelle unser „Wohnzimmer“. Nur in der letzten Nacht machen wir eine außerordentlich unangenehme Erfahrung. Eine Horde junger Ägypter erschein mit dem Auto auf dem Platz und feiert, das Autoradio laut aufgedreht, bis spät in die Nacht eine Party. Am kommenden morgen versucht dann noch zu allem Überfluss einer dieser Typen Nelas Jacke direkt unter ihrem Kopf herauszuziehen. Ich springe auf, um den Kerl zur Rede zu stellen, der schaut mich aber nur an, ohne eine Miene zu verziehen und gammelt weiter um unser Zelt herum.

Mittags stehen wir am Hafen und lösen unser Ticket hinüber nach Jordanien. Sofort am Schlagbaum empfängt uns ein Zöllner und geht mit uns die einzelnen Stationen ab. Polizei, Zoll, das Kennzeichen wieder abgeben, usw. An den Menschenschlangen drängelt er sich einfach vorbei und eine Viertel Stunde später ist die Grenzprozedur für uns erledigt. 5 Dollar „Bakschisch“ erhält er von uns für seine Dienste, das war uns die Sache Wert.

Die Fähre, auf die wir mit unseren Motorrädern nun auffahren, ist in einem grauenhaften Zustand. Alle Europäer werden in die erste Klasse verfrachtet. Dort sitzen wir in klimatisierten Räumen und schlürfen einen Kaffee an der Bar. Ich möchte jedoch mehr von dem Schiff sehen und mache mich auf den Weg. Bereits nach ein paar Schritten ist jedoch fast kein Durchkommen mehr. Überall liegen die Menschen herum. Auf Deck, in den Fluren, auf den Treppen. Der Gestank ist fast nicht auszuhalten. Der Geruch von Fäkalien und Erbrochenem dringt in meine Nase, Nein danke, das muss es dann doch nicht sein. Zurück im klimatisierten Bereich auf dem Schiff ist die Jordanische Grenzpolizei bereits damit beschäftigt, die Ausweise zu kontrollieren. Entsprechend flott geht die anschliessende Einreiseprozedur in Aqaba vonstatten. Wir zahlen unsere Versicherungsprämie für einen Monat und die Gebühr für das Abstempeln des Carnet de Passage, dann sind wir in der Stadt.

Dem Reiseführer folgend steuern wir das „Aqaba-Hotel“ an, entschließen uns aber dann doch anders, als uns vom Straßenrand ein Mann zu sich winkt uns anbietet auf seinem nagelneuen Campingplatz zu übernachten. Tatsächlich ist hier alles noch in der Bauphase aber es gibt bereits eine Terrasse und so etwas, wie eine Küche. Wir werden gefragt, was wir essen möchten und als wir nur mit den Schultern zucken, klopft er uns freundschaftlich auf die Schultern, setzt sich auf sein Moped und braust davon. Mit Tüten behängt kehrt er zurück und bereitet uns ein Menü, leckerer haben wir auf unserer gesamten Reise nicht gegessen. Falafeln, fritiertes Gemüse, Fleischspießchen, Salat mit einer ungemein würzigen Sauce. Zum Nachtisch herrlichen, kräftigen Tee und eine Nargila, eine Wasserpfeife. Nicht vergleichbar mit dem brennend heißen Qualm unserer westlichen Pfeifen. Ein Geschmackserlebnis ganz eigener Art ist der kalte, durch das Wasser gefilterte Rauch, aromatisch und fruchtig.

In der kommenden Nacht aber, erwischt es Nela leider richtig heftig. Magenkrämpfe, Durchfall und Erbrechen. Am Essen kann es nicht gelegen haben, ich hatte das gleiche. Am kommenden Morgen ist es nicht besser. Der kleinste Schluck Wasser kommt sofort wieder heraus. Ich setze mich aufs Motorrad und suche ein vernünftiges Zimmer und finde es im Hotel Jaber. Auf dem Rücksitz meiner BMW fahre sie dort hin und lege sie ins Bett. Anschließend packe ich unsere Sachen auf dem Campingplatz zusammen und fahre die Motorräder nacheinander die paar Meter zu unserer neuen Herberge.

Zwei Tage bleiben wir in Aqaba. Genug Zeit, um meine Haare bei einem der Friseure schneiden zu lassen und in einem Schreibwarengeschäft einige arabische Aufkleber für unsere Aluboxen zu erstehen. Es handelt sich um Koransprüche, die wir uns vom Inhaber, der etwas englisch spricht, übersetzen lassen. Dann fühlt sich Nela stark genug, die Reise fortzusetzen. Es geht den „Desert Highway“ nach Norden. Die Strasse ist der Hammer. Vollkommen überladene, uralte Mercedes Lkws schleppen sich die Steigungen hinauf, Tonnen von Ruß speiend um auf der anderen Seite des Hügels mit Vollgas ins Tal zu rauschen. Nicht lange folgen wir dieser Rennpiste sondern biegen kurze Zeit später ab nach Osten ins Wadi Rum, ein weiterer landschaftlicher Höhepunkt unserer Reise. Nicht zu beschreiben ist der Anblick der senkrecht aufragenden Felswände aus dunklem Stein, wie sie aus dem hellen Gelb des Wüstensandes in den azur blauen Himmel ragen. Wir sind gefangen von dem Anblick und folgen der Strasse tief hinein in das Tal.

Petra, so lautet unser nächstes Ziel. Die sagenhafte Hauptstadt der Nabathäer, vor tausenden von Jahren in den Stein geschlagen. Das „Schatzhaus des Pharao“ gleich am Eingang gegenüber der Schlucht, durch die man das Tal heute betritt ist Kulisse für so manchen Film. Es ist heiß, unendlich heiß in diesem Kessel. Beeindruckt von der baulichen Leistung der Menschen in der Antike, die hier mit primitivsten Mitteln eine ganze Stadt aus dem Stein geschlagen hatten, und auch von der landschaftlichen Schönheit, verweilen wir immer wieder, um das Bild in uns aufzusaugen, zu speichern, zu konservieren. Wir finden unweit der Schlucht einen schönen Platz zum Schlafen. In einer kleinen Senke schlagen wir unser Zelt auf. Ein Pick Up kommt vorbei. Die Männer lächeln freundlich, holen einige Schaufeln von der Ladefläche und beginnen den Kleinlaster mit Sand zu beladen. Derweil beginnt einer der Männer, Brennholz zu sammeln. Wir beobachten das Treiben und sind ganz erstaunt, als der Mann das Holz vor unseren Füssen ablegt, aufschichtet und anzündet. Freudestrahlend deutet er auf die Flammen und auf die untergehende Sonne. „Night, cold“ sagt er grinsend, geht zurück zum Laster und verschwunden sind die Vier. Wir sind allein, inmitten der kargen Landschaft, beobachten die Flammen, wie sie zwischen den trockenen Zweigen herauszüngeln und genießen die Ruhe der Nacht, die sich, wie ein Schleier über die Schlucht legt.

„Leider haben wir jedes Jahr immer nur zwei Wochen Zeit für Petra“ steht in unserem Reiseführer. Mir müssen schmunzeln, sind wir doch bereits am nächsten Tag wieder unterwegs nach Norden. Wir treffen zwei Biker aus Berlin. Die beiden kommen aus Ägypten, haben das eine Motorrad dort gelassen und befinden sich auf einem Kurztrip durch Jordanien. Abends gehen wir zusammen Essen und tauschen unsere Reiseerlebnisse aus, eine willkommene Abwechslung mit Party-Charakter.

Auf dem heutigen Programm steht Wüste satt. Zwei Schlösser und die ehemalige Bastion von Lawrence von Arabien. Kurz vor Amman biegen wir rechts ab nach Osten und erreichen das Wüstenschloss Qasr Al Kharana zur Mittagszeit. Just, als wir eintreffen, entsteigt einem Bus eine Deutsche Reisegruppe. Der Führer kann es kaum fassen, dass es Menschen gibt, die den Weg zu dieser Festung ohne fremde Hilfe finden. Nach tausenden von Kilometern ist die Empfehlung des Führers „Fahrt bitte (!) vorsichtig“ geradezu lächerlich. Wir passieren das Schloss Qasr ´Amra und erreichen am späten Nachmittag Al Azraq ash Shamali. Schon allein der Klang des Ortsnamens löst eine Faszination aus. Hier sammelte Lawrence von Arabien einst seine Truppen und vereinte die Stämme Arabiens. Der Ort selbst ist heute, abgesehen von einigen Ruinen eher uninteressant. Wer von hier aus weiter fährt, will in den Irak. Entsprechend ist die Atmosphäre des kleinen Ortes eher die einer Grenzstadt denn die historischen Ursprungs.

Unsere letzte Nacht in Jordanien verbringen wir in Irbid, genauer im Omayed Hotel. Dann geht es auf nach Syrien. Mittags sind wir an der Grenze. Die Ausreise verläuft vollkommen problemlos, abgesehen davon, dass unsere maximale Aufenthaltsdauer mit 5 Tagen angegeben wurde. Vollkommener Blödsinn und gegen eine geringe Gebühr auch aus der Welt zu schaffen.

Die Syrer haben es dann abgesehen auf unsere Devisen. Zwangsumtausch 60,- DM für Zoll und Versicherung (2009 sind es 100,- US$). Der Kurs ist 100 : 625 anstelle 100 : 2.600. Klar, dass wir das Risiko eingehen, im Land schwarz zu tauschen. Noch am selben Tag besichtigen wir die Ruinen von Bosra. Beeindruckend nicht nur das Theater und die restlich Hinterlassenschaften aus der Antike, nein, mehr beeindruckt uns, dass zwischen all den Trümmern tatsächlich Menschen leben. Bosra ist live gewordene Antike, vorbei an klassischen Säulen schleppen die Frauen ihre Einkäufe.

Einmal mehr schlagen wir unser Zelt in der Pampa auf. Inmitten einer kargen Steppe geniessen wir den Abend. Eine unglaubliche Ruhe und die weite der Landschaft zieht uns in ihren Bann. Lange noch blicken wir über die Ebene in die untergehende Sonne, um uns zufrieden in unsere Schlafsäcke zu rollen. Am kommenden Morgen folgen wir der Naturstraße weiter. In der Ferne erblicken wir ein Nomadenzelt. Hunde springen heran, bellen und schnappen. Ich komme an den Tieren noch vorbei, Nela hat sie jedoch direkt vor sich auf dem Weg. Aus Angst, sie zu überfahren stoppt sie, findet keinen Halt und die Fuhre kippt auf die Seite. Ich wende, helfe Ihr, die BMW aufzurichten während die Meute sich zurück zum Zelt trollt.

Dann erreichen wir Damaskus. Was für ein Name, was für eine Stadt. “Damskus, Perle am Fuße des Antilibanon”, so steht es in den Reiseberichten des letzten Jahrhunderts und in der Tat, Damaskus ist von ganz besonderem Reiz. Unsere erste Intension ist es, ein passables Hotel zu finden. Das ist nicht leicht. Die Vorschläge der Billighotels aus unserem Reiseführer sind durchgängig inakzeptabel. Mag der Preis für eine Nacht auch noch so günstig sein, ein Sechsbettzimmer mit gebrauchter Bettwäsche und Klo auf dem Flur muss es doch nicht sein. Das Problem, es gibt nichts anderes in dieser Preisklasse. Entweder 400,- US$ für ein Zimmer, das deutschem Gasthaus-Niveau entspricht oder Minimum 40,- $ für eine Bude mit eigenem Bad. Wir wählen letzteres, schleppen unser Gepäck auf’s Zimmer – 5. Stock, der Lift ist defekt, der Kühlschrank verschimmelt. Direkt neben dem Hotel befindet sich eine „Kneipe“. Alkohol ist den Moslems untersagt, dennoch wird in Syrien Bier gebraut. Wir erliegen der Versuchung und betreten die Kaschemme. Um uns herum sitzen die „Gläubigen“ und löten sich successive mit dem Gerstensaft die Birne zu. Die Atmosphäre ist unschön und wir verlassen das Etablissement relativ zügig.

Damaskus ist beeindruckend. In seinen Ausmaßen und vor allem in seiner Ursprünglichkeit. Wir passieren eine kleines Ladenlokal. Unzählige Flaschen stehen in den Regalen. Es duftet nach 1000 und einer Nacht. Dann verstehen wir. Hier kann man sich seinen eigenen Duft mischen lassen. Wir passieren Straßencafés riesigen Ausmaßes. Die Männer sitzen dort, einen Tee vor sich, das Mundstück der Wasserpfeife in der Hand, mit dem Nachbarn angeregt ins Gespräch vertieft.
Unser Weg führt uns zum Bahnhof. Dieser hat schon lange seine Schalter geschlossen. Es ist das eine Ende der Hedschasbahn, der Zugverbindung zwischen Damaskus und Bagdad. Die Strecke ist zwischenzeitlich verfallen, ein paar letzte Güterwaggons rosten auf überwucherten Gleisen vor sich hin. Die Schalterhalle ist, gleich eines Museums, in makellosem Zustand. Abgefertigt wird hier jedoch kein Reisender mehr.

Es ist heiß, drückend, das Hemd klebt am Körper. Wir gehen zum Basar. Hohe Gänge, Kühle im Vergleich zu draußen. So groß Damaskus auch sein mag, der Basar ist angenehm übersichtlich. Einzigartig sind die Läden mit Gewürzen. In allen Farben des Regenbogens und mit unglaublichem Duft bietet man die Pulver, Kapseln, Blätter und Körner in offenen Säcken feil. Einige Schritte weiter: Hunderte, tausende von Schuhen hängen an Stahlgerippen von den Wänden, Kleidungsstücke in unmöglichen Farben und Formen und natürlich Teppiche. In einem weiteren Gang Gold, Schmuck, Silberdosen, Leuchter, ...In einem Laden kann man Wasserpfeifen kaufen. Die Vase, der Stiel, Schlauch und Mundstück können kombiniert werden. Wir schlagen zu und tragen unsere Eroberung zum Hotel.

Zwischenzeitlich ist die Dämmerung hereingebrochen. Hinter unserem Hotel war ein Markt. Obst, frisches Gemüse und Fleisch. Der Markt geht zu Ende. Wir biegen um ein Eck und schrecken zurück. Eine Gebeinehaufen immensen Aufmasses liegt vor uns. All die Knochen, die von den Metzgern hier auf dem Markt aus dem Fleisch geschnitten wurden, liegen dort. Katzen tummeln sich, deswegen wohl keine Ratten. Es dauert nicht lang, ein Laster kommt, Männer mit Schaufeln ... Es ist zu dunkel für Fotos. Ich ärgere mich bis zum heutigen Tag. Zwei Nächte bleiben wir, dann sind wir ein Stück weit froh, aus dieser verwanzten Bude ausziehen zu können.

Weiter geht es nach Norden, dem Wegweiser Aleppo folgend. Wenige Kilometer hinter Damsakus, in Duma, verlassen wir die Autobahn und wenden uns nach Osten. Unser Ziel heißt Palmyra. In Qumayr tanken wir und ziehen mit unseren Motorrädern die Aufmerksamkeit der halben Dorfbevölkerung auf uns. Ein Mann blickt auf die Aufkleber, die wir in Aqaba gekauft hatten, grinst über das gesamte Gesicht und deutet uns, zu warten. Kurze Zeit später kehrt er zurück mit einem Koran. Begeistert darüber, dass zwei Westeuropäer die Sprüche Mohameds auf ihrer Ausrüstung tragen, überreicht er uns das Präsent. Noch heute hat dieser Koran einen Platz in meinem Bücherregal obwohl ich nie eine Zeile in ihm gelesen habe – er ist komplett in Arabisch.

Wir passieren endlose Weiten, die Hügel um uns werden zu Bergen. 1.300 Meter hoch sagt die Karte. Die Landschaft ist faszinierend. Dass Eintönigkeit und Kargheit derart schön sein kann. Palmyra erreichen wir am späten Nachmittag. Wir sind überwältigt. Überall auf der Welt wäre das Gelände mit Zäunen abgesperrt, es gäbe Tore, Wachposten, Eintritt wäre zu zahlen. Nicht hier. Buchstäblich durch die Trümmer führt die Hauptstrasse. Säulen, tausende von Jahren alt stehen neben dem Asphalt, über den sich ein alter Laster schleppt. Unser Zelt schlagen wir auf im Garten des Hotels Zenobia. Es gibt kaum Campingplätze in Syrien, verschiedene Hotels bieten diesen Service an. Das Hotel selbst ist für unseren Geldbeutel nicht geeignet. Agatha Christi nächtigte dort einst, entsprechend sind die Preise. Wir treffen ein deutsches Pärchen mit zwei Suzuki RD 350, kommen ins Gespräch und tauschen Erfahrungen aus. Die beiden wollen durch Libyen bis nach Marokko. Abends sitzen wir im Restaurant des Hotels an einem Tisch aus vorchristlicher Zeit, dem Kapitell einer Säule. Den touristischen Einschlag Palmyras bemerken wir deutlich an der Speisekarte – es gibt Wiener Schnitzel mit Pommes. Nach drei Wochen arabischen Essens – so lecker es auch ist – outen wir uns und bestellen zwei Portionen.

So beeindruckend Palmyra auch sein mag, so schnell ist es doch besichtigt. Am kommenden Morgen kaufen wir Wasser, etwas zu Essen und machen uns auf, weiter in Richtung Osten, tiefer in die Syrische Wüste zum Jagdschloss Qasr Al Hir und von durt nach Norden auf die Verbindungsstrasse nach Aleppo.

Der Pisteneinstieg ist schlecht zu finden. Wir orientieren uns nach den Angaben in unserem Reiseführer. Von der Hauptstraße in Richtung Dayr az Zawar biegen wir nach gut 75 km ab nach Norden. Stoppen immer wieder, um anhand des Kompass die Richtung zu überprüfen. Obwohl wir keinerlei Häuser sehen, muss es in der Ferne Zahlreiche Dörfer geben. Spurenbündel teilen sich wild, was die Orientierung ungemein erschwert. Schliesslich stehen wir vor einigen Mauern und einem Trümmerfeld auf der gegenüberliegenden Seite. Das kann das Wüstenschloss noch nicht sein, laut Routenbeschreibung ist die Strecke dort hin länger. Dennoch, die beiden großen Rundtürme links und rechts des Portals sind eindeutig.

Lange halten wir uns nicht auf, starten die Motorräder und fahren weiter Richtung Norden, passieren unzählige Gräben mit Sandverwehungen bis Nela bei einem Stop schließlich zu mir sagt: „Du hast da einen Platten“. Auf dem losen Untergrund war es nicht zu merken, jetzt sehe ich es aber selbst. Eine Nagel steckt tief im Reifen. Vermutlich der einzige Nagel im Umkreis von 100 km. Mist! Die Felgen der BMW sind zwar für schlauchlos Reifen konzipiert, dennoch hatte ich Schläuche eingezogen. Also packe ich die Montiereisen aus, baue die Koffer ab und das Hinterrad aus. Herunter bekomme ich den Reifen noch relativ problemlos, finde das Loch, klebe es zu und beginne dann den Reifen wieder auf die Felge zu ziehen. Einen Niederquerschnittreifen in eine Tiefbettfelge. Natürlich habe ich nur eine Handluftpumpe mit maximal zwei bar. Immer und immer wieder kontrolliere ich den Rundlauf und immer wieder steht der Reifen auf einer Seite weiter aus der Felge. Irgendwann hatte ich mit viel Seifenwasser und Geknete den Reifen gleichmäßig auf der Felge.

Zwischenzeitlich wurde es dunkel. Nela nutzte die Zeit, inmitten der Wüste verdorrte Zweige zu suchen, um ein Feuer zu machen. Wir schlagen das Zelt auf und verbringen so – unfreiwillig - eine weitere sternklare Nacht, inmitten der Wüste. Am kommenden Tag treffen wir auf die relativ gut zu erkennende Strecke nach As Sukhnah, folgten dieser zurück zur Hauptstrasse und schließen das Kapitel „Wüste“ für diese Reise ab. Die Motivation, alle paar Kilometer den Kompass zu zücken und Spurenbündel zu entziffern ist dahin.

Aleppo, die größte Stadt Syriens meiden wir und fahren bis an die Küste nach Latakkia, um von dort nach Norden in die Türkei einzureisen. Syrien ist moslemisch, Moslems trinken keinen Alkohol und deswegen sollte man in moslemischen Ländern das auch einfach bleiben lassen. Was mache aber ich, bestelle in einer Wirtschaft ein Bier. Das kommt, ist brühwarm und als ich bereits den ersten Schluck genommen hatte, merke ich, dass es vollkommen verdorben ist. Fäden ziehen sich in der Flasche. Na bravo. Es kommt, wie es kommen musste. Bereits in der Nacht geht es los. Alles in mir will raus. Volle drei Tage dauert der Spuk, dann ist es vorbei. Nela besichtigt derweil Latakkia, möchte sich in ein Cafe setzen, um auszuruhen. Um sie herum aber nur Männer. Frauen haben in arabischen Gaststätten ohne männliche Begleitung nichts zu suchen. Irgendwie traurig, ein Zeichen für Intoleranz und ein Armutszeugnis für die gesamte islamische Welt!

Heute verlassen wir Syrien. Mittags sind wir an der Grenze zur Türkei, lassen das Carnet abstempeln und befinden uns quasi im „Westen“. In Adana betten wir unsere Häupter zur Ruhe um am kommenden Tag eine der beeindruckendsten Regionen der Türkei in Augenschein zu nehmen – Kappadokien. Dort haben die Menschen vor tausenden von Jahren ebenso, wie in Petra, ganze Städte aus dem Fels geschlagen. Anders, als in Petra, sind die Berge und Felsen hier schneeweiß. Zuckerhüten gleich ragen sie vom Boden der weitläufigen Ebene auf, durchlöchert, wie der sprichwörtliche schweizer Käse.

Zahlreiche Campingplätze existieren in dieser vom Tourismus lebenden Region. Wir entscheiden uns für den Platz mit dem eindrucksvollen Namen „Berlin“. Zu jedem Stellplatz gibt es einen Tisch und Stühle. Sehr angenehm. Dort sitzen wir bis spät in die Nacht, essen frisches Gemüse vom Markt. Tomaten, Paprika, Peperoni, dazu ein wenig Käse und Ekemek – Brot. Wir schreiben Tagebuch und trinken das ein oder andere Efes Pils. Warm wird es nicht, das Bier, im Gegenteil. Sobald die Sonne untergegangen ist, fallen die Temperaturen bis unter 10 Grad und wir frieren erbärmlich.

Görreme ist beeindruckend, doch alles wiederholt sich dort. Eine Höhlenwohnung sieht wie die andere aus, die Felsenkirchen sind ein wenig größer, das Muster jedoch dasselbe. Wir outen uns als Kulturbanausen und ziehen bereits mittags von hinnen. In gut einer Woche geht unser Schiff ab Marmaris im äußersten Süd-Westen der Türkei zurück nach Venedig. Wenigstens ein paar Tage möchten wir noch ausspannen. Anamur Kalesi. Die größte und am besten erhaltene Kreuzritterburg der Türkei muss es aber doch noch sein. Zwar habe ich selbst das Kastell schon zwei Mal besichtigt, Nela kennt es jedoch noch nicht.

Immer wieder ist es beeindruckend, inmitten der hohen Mauern auf den Wehrgängen in das Innere der Anlage zu blicken. Man kann sie förmlich vor sich sehen, die Reiter mit ihren Rössern, wie sie sie zum Wasser führen, anschließend in ihr Quartier gehen oder den Rittersaal. Die Festung liegt direkt am Meer. Durch die verfallenen Mauern sieht man die Brandung. Am Horizont die Segel der schiffe. Freunde jetzt, keine Angreifer mehr, wie vor tausend Jahren.

Wir folgen der Küstenstrasse nach Westen. Vor Jahren war ich an der Türkischen Riviera, wie hat sie sich verändert. Ein Hotelkomplex am anderen. Abends schlage wir unser Zelt auf einem Campingplatz zwischen zwei dieser Türme auf, in den Slums sozusagen. Das Restaurant bietet vorzügliche Küche und wir speisen genüsslich. Dann denken wir, wir sehen nicht recht. Mit Taschenlampen bewaffnet trottet eine Herde Menschen über den Strand direkt auf die Gaststätte zu. Die hat in der Mitte einen großen Freiraum, gleich einer Tanzfläche. Nela und ich bestellen noch ein Efes, denn das dürfte spannend werden. Es stellt sich heraus, dass es sich um eine Gruppe deutscher Touristen aus dem benachbarten Hotel handelt. Voran der Reiseführer.

Offensichtlich ist es der erste Abend, denn es wird den Reisenden erklärt, dass man hier auch Durchfall bekommen kann, weil so ölig gekocht wird. Ich denke zurück an Latakkia und gebe ihm bedingt Recht. Anschließend schlägt der Reiseleiter ein Spiel vor. „Mein Hut der hat drei Ecken“. Wir bestellen uns noch etwas zu trinken.
Es werden Stühle herangeschafft, das Spiel beginnt. Wir genießen die Vorstellung als Außenstehende und werden unseres europäische Aussehens wegen immer wieder argwöhnisch von den Teilnehmern beäugt. Offensichtlich merken sie selbst, dass sie sich hier zum Kasper machen. Irgendwann gibt der Guide das Zeichen zum Aufbruch und die Taschenlampen werden wieder angeknipst.

Nela möchte noch Briefmarken für ihre Postkarten kaufen und folgt der illustren Truppe daher zum Hotel. Wenige Minuten später kehrt sie mit den Marken zurück und grinst freudestrahlend über das ganze Gesicht: „Ich weiß, wo wir morgen frühstücken!“ Offensichtlich blicke ich ausreichend bescheuert, damit sie mir die Erklärung sofort liefert. „Was die können, können wir schon lang. Da drüben wird gerade das Frühstücksbuffet aufgebaut und daran nehmen wir morgen teil“.

Am kommenden Morgen packen wir unsere Sachen zusammen. Als ich mir für den Gang in die Hotelhalle eine vernünftige Hose anziehen möchte meint Nela, das sei doch zu auffällig, ich solle meine kurze Turnhose anziehen, wie alle Touristen. Über den Strand schlendern wir zum Hotel, setzen uns an einen der Tische - man fragt uns, ob wir Kaffee oder Tee möchten - und begeben uns anschliessend zum Buffet. Aufregend ist es nicht, dem geschenkten Gaul aber schaut man nicht ins Maul. Eine halbe Stunde später stehen wir wieder neben unseren Motorrädern. Vom Hotel aus blickt der Kellner auf einer Terrasse stehend und rauchend zu uns herüber. Er winkt uns zu, als wir die Motoren starten und den Platz verlassen.

Nach wie vor sind wir auf der Suche nach einem angenehmen Platz für einige Tage. Doch Hotelanlage reiht sich an Hotelanlage, Hochhaus an Hochhaus. Es ist scheußlich, die Küste komplett zugebaut. Wir denken zurück an die Schönheit des Sinai, die Einsamkeit der Syrischen Wüste und sind uns einig, lieber mit einer Flasche Wasser und trockenem Fladenbrot dort inmitten des Nichts, als hier mit Efes und gefüllten Auberginen neben diesen Pauschalbunkern. Schließlich finden wir ihn, „unseren“ Platz. Auf halber Strecke zwischen Kemer und Kumluca biegen wir zum wiederholten Male auf eine kleine Strasse in Richtung Meer ab. Bei einem Tee in Cavus sagt man uns, dass es hier ein paar Kilometer weiter einen Strand gibt. Wir passieren ein weiteres kleines türkisches Dorf und stehen in einer kleinen Bucht. Ein Restaurant, in dem die Türken Domino spielen, ein paar Hütten, Fischerboote, sonst nichts. Das ist es. Wir mieten eine der Holzhütten, überraschend sauber und gut ausgestattet. In der kleinen Gaststätte versuchen uns die Leute, das Spiel beizubringen. Es funktioniert wohl so ähnlich, wie unser Rommee, nur nicht mit Karten, sondern mit Steinen.

Fünf Tage bleiben wir. An einem Abend wollen wir unbedingt unsere Wasserpfeife ausprobieren. Tabak und Holzkohle haben wir dabei. Im Blechdeckel einer Schraubendose bringe ich die Kohlestückchen zum Glühen. Der Wirt sieht das kommt zu uns und meint wir sollen aufpassen, alles sei hier strohtrocken. Als er erkennt, was ich da plane grinst er über beide Ohren, meint nur „Ah Nagili“ und zieht von hinnen. Ich habe den Pfeifenkopf derweil mit Tabak gefüllt und mit der Zange die Kohlestückchen darauf gelegt. Wie ein Bekloppter sauge ich nun an dem Rüssel aber nichts passiert. Kaum blubbert es in der Vase. Bereits halb grün im Gesicht kommt mir die Erkenntnis. Mit altem Zeitungspapier umwickle ich die ganzen Verbindungsstellen zwischen der Vase, dem Rohr und dem Mundstück und siehe da, jetzt funktioniert es. Der Geschmack ist umwerfend, nicht zu vergleichen mit dem „heißen“ Rauch unserer westlichen Pfeifen.
Wir fühlen uns großartig mit unserem Tee und der Pfeife auf der Terrasse vor unserem Bungalow sitzend und blicken auf’s Meer - den letzten Abend.

Fünf Tage waren wir in dieser Idylle, dann heißt es aufbrechen. Das türkische Essen ist unglaublich lecker, jedoch leider genauso unglaublich ölig und kalorienreich. Nach Wochen ziehen wir das erste Mal wieder unsere Lederhosen an. Sie passen noch, ein Glück. Vermutlich hatten wir in Jordanien und Syrien das abgenommen, was wir die letzte Woche wieder zugelegt haben.

Zurück über die Schotterstrecke geht es zur Hauptstrasse. In Cavus ist offensichtlich gerade große Pause, ein Haufen Schüler steht am Straßenrand und winkt. In ihren blauen Uniformen drängeln sie, um auf das Bild zu kommen. Um kurz vor sechs sind wir in Marmaris. Die Stadt ist so ätzend, wie ich sie in Erinnerung hatte. Morgen Früh geht von hier unser Schiff nach Venedig. Die Stimmung ist der Situation angepasst. Mehr oder weniger lustlos ziehen wir durch die Straßen, essen eine Kleinigkeit, gehen dann auf unser Zimmer. Früher hatte ich mich Sonntag Nachmittags immer so gefühlt, als Schüler. Zwar ist noch Wochenende aber das Damoklesschwert der Lateinstunde am Montag hängt schon über einem.

Die Tickets für die Passage besorgen wir direkt bei Abfahrt am Hafen. 340,- Mark bezahlen wir pro Person für Pullmann Plätze. Das ist die billigste Kategorie, Deckspassage gibt es nicht. Für die letzten Türkischen Lira kaufen wir Gewürze und etwas Honig, dann geht es auf das Schiff, das die nächsten drei Tage unsere Heimat sein wird.

Es ist bereits Anfang Oktober, Motorradfahrer sind daher nur wenige mit an Bord. Mit den paar kommen wir aber schnell in Kontakt. Einhelliger Tenor und Basis für jedes Gespräch: Die Getränke auf dem Kahn sind viel zu teuer. Die Dose Bier kostet den achtfachen (!) Preis, als in den Läden, das vierfache des Restaurant-Preises. Zu ärgerlich, dass wir nicht mehr Lebensmittel an Land besorgt hatten. Die Griechischen Mittelmeerfähren sind dagegen Discounter.

So nett es auch ist, entspannt und bei herrlichstem Wetter über die spiegelglatte See zu gleiten, mit der Zeit wird es langweilig. Einer der anderen Biker, ein Deutsch-Türke fragte die Besatzung, ob es Möglich sei, das Schiff einmal zu besichtigen. Das, was man als Passagier sonst nicht sieht. Der Kapitän gibt sein OK und wir folgen dem Matrosen auf die Brücke, wo uns die Navigation erklärt wird, die Steuerung und all das. Anschließend geht es nach unten in den Maschinenraum, wo eindrucksvoll über mehrere Stockwerke das Herz des Schiffes schlägt. Es besteht die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Der Biker übersetzt vom Deutschen ins türkische und die Antwort entsprechend zurück ins Deutsche. Ich hatte einmal gehört, das es aufwendig ist diese Motoren zu starten und ich frage also, wie man diese Motoren startet. Der Matrose nickt und erzählt. Eine Minute, zwei, fünf. Aha, tatsächlich nicht so einfach, denke ich mir. Dann kam die Übersetzung: „automatisch“.

1200 Seemeilen liegen hinter uns, 90 t leichtes Heizöl haben die vier Motoren mit je 4.200 PS verbraucht, als wir in Venedig ankommen. Das Wetter passt, wir gleiten vorbei am Marcusplatz, sehen den Dogenpalast und rollen kurze Zeit später von Bord.

Der Rest in ein Klacks. Über Landstrassen fahren wir hinauf nach Norditalien. Passieren Castella, Trento und den Brennerpass. Es ist bereits dunkel, als wir in Scharnitz an der deutschen Grenze ankommen. Der Beamte winkt uns durch, wie fast üblich bei Motorradfahrern. Wir aber müssen zum Zoll, unser Carnet abstempeln lassen, um die 10.000 DM Bürgschaft vom ADAC zurückzubekommen. Mit lautem Knall landet der Bundesadler auf dem Dokument. Wir sind wieder „daheim“.

43 Tage waren wir unterwegs, über 7.400 Kilometer durch sieben Länder, und nutzten 4 Schiffspassagen. Sahen Jerusalem, Bethlehem, die Wüste Sinai, die Wadis der Jordanischen Wüste, die Felsenstadt Petra, Damaskus und Palmyra in Syrien, durchquerten Kappadokien und trafen unzählige freundliche, aufgeschlossene und hilfsbereite Menschen.

Weder gab es 1993 GPS noch das Internet. Zur Reisevorbereitung dienten Reiseführer, die Orientierung erfolgte mit Karte und Kompass. 2009 war ich nochmals in Syrien. Der Reisebericht ist >>hier ebenfalls veröffentlicht.
Vieles ist noch so, wie vor 16 Jahren. In erster Linie die Freundlichkeit der Menschen unterwegs. Vieles hat sich auch geändert. Es gibt mehr Autobahnen, der Verkehr hat zugenommen und Pisten wurden zwischenzeitlich asphaltiert. Mit diesen Veränderungen kann man gut leben, eine empfehlenswerte Reise ist es nach wie vor.