Den Auslöser für die Reise gab die „Fortsetzung“ von Ted Simons „Jupiters Fahrt“, sein aktuelles Buch „Jupiters Träume“. Ted Simon wiederholt seine Weltreise und auch ich möchte noch einmal eine Reise wiederholen, die mich vor 16 Jahren zusammen mit meiner damaligen Frau auf unseren beiden R100GS um das östliche Mittelmeer geführt hat. Von Jordanien kommend hatten wir seinerzeit so ziemlich jede Kreuzritterburg besichtigt, die auf unserer Route lag. Eine hatten wir aber ausgelassen und das war die größte und best erhaltene Anlage im gesamten „Heiligen Land“, der Crac des Chevaliers.

Als ich Ted’s Buch aus der Hand legte, war der Entschluss gefasst. Auch ich werde mir ein Bild davon machen, was sich während der vergangenen 16 Jahre geändert hat. >>Hier geht es zum kompletten Fotoalbum.

Am Morgen des 15. August 2009 bepacke ich meine knapp 20 Jahre alte GS mit über 100.000 km auf dem Buckel, die gleiche, mit der ich ‘93 im Nahen Osten war, und starte nach Syrien. Etwas dramatischer hatte ich mir die Abreise zwar vorgestellt, mit winkender Ehefrau und weinenden Kindern. Diese sind angesichts der Schulferien leider aber ebenfalls ausgeflogen. So fahre ich im Morgennebel über verwaiste Landstrassen zur Autobahn, die Sonne im Gesicht, ab jetzt nach Osten.

Die Route führte mich von Rosenheim über Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die Türkei nach Syrien. Zurück wollte ich von der Türkei aus durch Griechenland, Mazedonien, Albanien, Montenegro und schließlich die kroatische Küste hinauf durch Slowenien und Österreich wieder ins heimische Oberbayern.

Am frühen Nachmittag erreiche ich Budapest. Plan “A” sah vor, dass ich auf dem in höchsten Tönen gepriesenen Haller Camping mein Zelt aufstelle und Budapest ohne Gepäck erkunde. Umgesetzt wurde Plan “B”, nachdem der Campingplatz hoffnungslos überfüllt und 15 Euro für Zelten auf einem Schotterparkplatz in meinen Augen schlicht eine Frechheit sind. Angebot und Nachfrage eben.

Die „must do’s“ wurden im Stil Japanischer Reisegruppen im Zeitraffer besucht. Kettenbrücke, die Standseil- bahn Siklo, das Parlament und schließlich die Zitadelle. Die anschließende Fahrt über hervorragende Autobahnen ins grenznahe Szeged bietet wenig Abwechslung. Angesichts der vollkommenen Abstinenz auch nur des kleinsten Hügels, verläuft die Fahrspur, wie mit dem Lineal gezogen, 200 km gerade aus. Die Zeit vertreibe ich mir damit, die ungarischen Bandwurm-Ortsnamen zu lernen. Mehr, als ohne auf der Karte zu spicken, Städte, wie Kiskunfélegyháza oder Hódmezövásárhely auch nur ein Mal fehlerfrei auszusprechen, gelingt allerdings selten. Die Grenze nach Rumänien passiere ich bei Nagylak. Eine unglaublich unfreundlich dreinschauende Zöllnerin vergleicht biometrisches Passbild mit behelmtem und Sonnenbrille tragenden Original - geradezu lächerlich. Direkt an der Grenze wechsle ich meine restlichen Forint und 50 Euro in Lei. Mit 1 : 39.000 bekomme ich den miserabelsten Kurs überhaupt, merke das aber erst 5 km weiter, als mir ca. 125 Wechselstubenbetreiber durchgängig 2.000 Lei mehr bieten.

Die Landschaft ändert sich, die ersten Ausläufer der Karpaten verlangen bereits die ein oder andere Kurve, Transsylvanien ist erreicht. Ab nun heißt es, bei Dunkelheit Acht zu geben! Die Strasse Nr. 7 wird zur Rennpiste. Anfangs mache ich das Gerase und Überhole noch mit. Dann fahre ich aber rechts ran, hänge mir meine Fototasche um und beschließe, ab sofort weniger für die nächste Rallye zu trainieren und dafür lieber nach geeigneten Motiven Ausschau zu halten.

Das siebenbürgische Sibiu – Hermannstadt – erreiche ich am Nachmittag. Die Bevölkerung in dieser Region setzt sich zusammen aus Rumänen, Ungarn und den „Siebenbürger Sachsen“. Alle Stadtnamen sind daher meist dreisprachig angegeben, unter anderem deutsch. Die Altstadt Sibius empfängt einen mit mittelalterlichem Flair. Die Renovierungsarbeiten sind in vollem Gange, zahlreiche alte Stadthäuser lassen aber noch erahnen, wie es vor einigen Jahren hier ausgesehen haben mag. Obwohl angesichts des Status als UNESCO Weltkulturerbe die Renovierungen sicher originalgetreu durchgeführt werden, passen zu meiner Vorstellung einer mittelalterlichen Stadt die alten Fassaden mit dem herabbröckelnden Putz fast besser. Ziel für heute ist die Kirchenburg Biertan - Birthälm. Als Schutz gegen feindliche Angriffe, befestigten die Rumänen ihre Kirchen bis hin zu wahrhaften Burgen. Biertan ist die am besten erhaltene. Schon von weitem sehe ich die imposante Anlage im Abendlicht leuchten. In der Tat ist die Kirche befestigt, wie eine Burg. Drei haushohe Mauerringe umgeben die gotische Hallenkirche aus dem 14. Jahrhundert.

Ursprünglich auf der Suche nach einem Zimmer, entdecke ich ein Hinweisschild zu einem Campingplatz in der nächsten Ortschaft, Richis – Reichesdorf. Richis ist nicht groß, dennoch kann ich besagten Platz nicht entdecken und fahre die Hauptstrasse mehrmals auf und ab. Schließlich frage ich in einer Bar und dort sagt man mir, das sich der Platz genau hier im Hinterhof befindet. Es öffnet sich ein riesiges Tor und gibt den Blick frei auf einen großen Innenbereich mit alten Stallungen und einer hervorragenden Grasfläche. Die Sanitäranlagen sind blitzblank sauber und zehn Minuten später steht mein Zelt in einer Ecke des Platzes.

Zu essen gibt es hier nichts, das frisch gezapfte Bier, das ich mir aus der Bar hole, schmeckt nach dem Tag jedoch vorzüglich. Auf Selbstversorgung eingestellt, hatte ich mich unterwegs bereits mit ein paar Lebensmitteln eingedeckt. Nachdem ich quer durch Transsylvanien muss, das nicht zuletzt aufgrund seiner blutrünstigen Schauergestalt Dracula weltweit Berühmtheit erlangte, habe ich mich beim Einkauf sicherheitshalber für Knoblauch-Salami entschieden. Man kann nie wissen. Mag die stinkende Knollenwurzel auch gegen so manchen Vampir helfen, die kleinen sechsbeinigen Blutsauger bleiben von ihr vollkommen unbeeindruckt. Am Abend setze ich mich zu den Dorfbewohnern hinaus auf die Strasse und sehe dem Treiben zu. Zwischen uralten Pferdefuhrwerken stöckeln die jungen Frauen in knallenge Jeans gepresst, mit Handy am Ohr zu ihren Verabredungen.

Ein weiteres Weltkulturerbe erreiche ich nur wenige Kilometer von Biertan entfernt in Sighisoara – Schäßburg. Der Stundturm der auf dem Berg gelegenen Altstadt ist weit über die Grenzen Rumäniens bekannt und ziert so ziemlich jeden Reiseprospekt des Landes. Schäßburg wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts von deutschen Einwanderern, den Siebenbürger Sachsen, gegründet. Fälschlicher Weise wird die literarische Gestalt Vlad Tepes Draculea mit Schäßburg als dessen Geburtsstadt in Verbindung gebracht und nur um Haaresbreite entging Sighisoara der Errichtung des ersten Rumänischen „Dracula-Freizeitparks“.

Die weitere Fahrt auf der E60 ist der reinste Horror. Zwar schlängelt sich die Strasse selbst durch die schönste Mittelgebirgslandschaft der Karpaten, nur ist sie vollkommen überlastet. An kilometerlangen Staus fahre ich vorbei und bekomme von der grandiosen Landschaft kaum etwas mit. Bunesti, Rupea, und dann Brasov – Kronstadt sind dem Verkehrsaufkommen nicht gewachsen. Lkw’s über Lkw’s, Staub, Stau und dazwischen Pferdefuhrwerke. In Ploiesti biege ich ab Richtung Slobozia und weiter hinunter zur Donau und zur Bulgarischen Grenze bei Calarasi. Eine Fähre führt hier über den Fluss. An der Bulgarischen Grenzstation in Silistra fahre ich beinahe vorbei. Durch Zufall sehe ich zwei Uniformierte vor einem Haus Kaffee trinken und frage die beiden. „Ja, ja, hier Grenze, da hinten Bulgarien“.

Ab jetzt sind die Hinweisschilder in kyrillisch, wobei man ein Herz hat für den Mitteleuropäer und die größeren Städte in lateinischen Buchstaben anschreibt. Den auf der Karte verzeichneten Campingplatz finde ich nicht und denke darüber nach, irgendwo seitlich abzufahren und wild zu zelten. Sämtliche Wege, die ich aber befahre enden in irgendeiner Müllkippe, was mich letztendlich doch dazu bringt, ein Zimmer für 20 Euro zu mieten. Ein stolzer Preis für die Bude. Unfreundliche Wirtsleute und die Tatsache, dass man mir auch noch Heinecken anstelle des hiesigen Bieres serviert, bieten in meinen Augen genug Gründe dafür, das von letzter Nacht noch feuchte Zelt an der Deckenleuchte zum Trocknen aufzuhängen.

Ich bin auf Nationalstrassen der ersten Kategorie unterwegs. Der Belag gehört jedoch mit zu dem saumäßigsten, was mir bislang unter die Räder kam. Um nicht nur durch Schlaglöcher und über Maulwurfshügel große Teerflicken zu fahren, ändere ich die beabsichtigte Route über kleinste Nebenstrassen. Statt dessen wähle ich die N6 nach Burgas am Schwarzen Meer und weiter die N98 in Richtung Türkei.

Die Straßenführung selbst, auch auf den Nationalstrassen, ist ein Traum und außerhalb der Ballungszentren begegnen einem fast mehr Pferdefuhrwerke, als Autos. Erstere haben es aber in sich. Hinterlassen die lieben Zugtiere doch ihre unverdauten Speisereste bevorzugt in Kurven. Kurzfristig erhöht sich der Pulsschlag des geneigten Enduristen, wenn er in Schräglage auf Ideallinie kommend mit den Rädern über diese Rutschpartikel hinwegschrubbt. Unmittelbar vor der türkischen Grenze bei Malko Tarnovo führt mich ein Hinweisschild zu einem Museumsdorf. In idyllischer Umgebung befindet sich dort eine kleine Ansiedlung mit Häusern ganz im ursprünglichen bulgarischen Baustil mit gemauertem Erdgeschoss und dem ersten Stock in Holz-Blockbauweise.

Genau zur Mittagszeit erreiche ich den Grenzposten zur Türkei. Auf bulgarischer Seite werde ich an einem Schrankenhäuschen nach Name, Kennzeichen und Marke des Motorrads gefragt. Diese drei Daten tippt eine charmante junge Dame in einen PC, um mir danach einen USB-Stick mit genau diesen Daten in die Hand zu drücken und dem Hinweis, diesen an der Grenze wieder abzugeben. Dort nimmt ein deutlich uncharmanterer Zöllner den Stick und kopiert wohl die Daten auf seinen PC, um sie noch mit meiner Passnummer zu ergänzen. Unglaublich - der schwachsinnige Papierkram ist abgeschafft, um jetzt in digitaler Form weitergeführt zu werden.

Die Einreise in die Türkei entspricht allen Klischeevorstellungen. Motorrad abstellen, ins Verwaltungsgebäude. Bei der Polizei Pass stempeln lassen anschließend Fahrzeugdaten eintragen lassen. Dann: „Customs control outside“ Aha!
„Outside“ ist aber kein Mensch, also weiter zur Schranke mit der abschließenden Kontrolle. „Wo Du customs Stamp? – zurück!“ Also wieder hoch, zurück zu dem Fahrzeugfritzen. „Outside, outside, customs!“ Die Rückfrage eines freundlichen Deutsch-Türken ergab dann, dass vom Zoll grad alle beim Mittagessen sind und schon einer kommen wird, wenn sie fertig sind, man solle draußen warten. Also mache auch ich erst mal bei der Zollabfertigung Brotzeit. Mit vollem Mund halte ich dem herankommenden Beamten meinen Pass hin. Der drückt den dritten Stempel hinein und über eine nagelneue Strasse rolle ich bergab in Richtung Istanbul.

Da ist es wieder, was ich in Erinnerung habe, lachende, freundlich grüßende Menschen. Zwischenzeitlich gibt es eine Autobahn, von Edirne kommend, an Istanbul vorbei, hinein nach Asien. Ich möchte die alte Strasse am Meer nehmen, fahre in Kirklareli daher auf die D20 und sehe in Silivri das erste Mal auf dieser Reise das Mittelmeer. Die D100 ist 60 km vor Istanbul ebenfalls autobahnähnlich ausgebaut. Im alten Byzanz wahr ich schon so oft, dass ich keine Stadtbesichtigung plane. Hagia Sofia, Großer Bazar, Topkapi-Palast, all das kenne ich von früheren Reisen. Ganz in der Nähe von Silivri folge ich daher einem Schild „Camping“ und schreibe meinen Tagebucheintrag am Marmarameer.

Heute geht es über den Bosporus hinein nach Asien. Vor mir liegt das Nadelöhr Istanbul. Mit knapp 12,6 Mio. Einwohnern steht Istanbul auf Platz 3 der bevölkerungsreichsten Städten der Welt. Hunderttausende weiterer Menschen wälzen sich täglich in sie hinein oder, so wie ich, durch sie hindurch.

Ende der 80er Jahre bin ich mit meiner alten R 80 G/S diese Strasse gefahren. Seither habe ich Bilder von hoffnungslos überladenen, rußspeienden Lkw’s vor mir, von tausenden Minibussen, die am Strassenrand Wartende auflesen und vollkommen unangekündigt nach links oder rechts ausscheren, Bilder von Ziegen, die am Seitenstreifen grasen und direkt darüber ein soeben vom Atatürk Airport startender Jumbojet. Dazwischen ich Wurm mit meiner vollgepackten Maschine, schwitzend bei 30 Grad und nur damit beschäftigt, die Manöver der Millionen von Autofahrern vorauszuahnen. Einiges hat sich geändert. In der Mitte befindet sich eine abgeteilte Fahrbahn für Metro-Busse. Nicht nur einen Anhänger ziehen diese hinter sich her. Ganze „Bus-Züge“ sind unterwegs, um die Menschenmassen auf diese Weise ins Zentrum zu befördern. Die Minibusse haben nun ebenfalls eine eigene Fahrspur auf dem abgeteilten Seitenstreifen. Die Ziegen gibt’s nicht mehr. Wenigstens die Staus, die durch die in 2., 3. oder 4. Reihe haltenden Gefährte verursacht werden, sind nun vorbei. Dafür gibt es aber genug andere. Praktisch bei jeder Auffahrt geht erst mal nichts mehr. Ich fahre rechts auf dem schmalen Standstreifen vorbei, so weit es geht und dann im Slalom zwischen den Autos hindurch. Eine durchaus angepasst Fahrweise. 

Wenigstens ein paar Aufnahmen möchte ich machen und folge aus der Erinnerung den Wegweisern Topkapi und Aksaray. Tatsächlich stelle ich irgendwann vor der neuen Galatabrücke, unterhalb des Basars, die BMW ab und wandere zu Fuß durch die Gassen auf der Suche nach ein paar typischen Motiven.

Über die Galatabrücke hinweg, der D100 folgend geht es hinein nach Asien. Ismit, als nächst größere Stadt sollte angeschrieben sein, im Zweifel Ankara. Doch Nichts. Nicht ein Wegweiser führt auf die alte Hauptstrasse. Buchstäblich alle Wege führen hier auf die neue Autobahn. Diese ist aber mautpflichtig und weist an Brücken eine besondere Gemeinheit auf. Man muss vorher(!) eine Magnetkarte erstehen, die einem die Schranken zu den großen Brücken über die Meerenge zwischen Schwarzem und Mittelmeer öffnet. In diesem Verkehrschaos nahezu unmöglich, ist man doch schon froh, überhaupt aus dieser Stadt in der richtigen Richtung hinauszufahren. Prompt stehe auch ich an einer dieser Schranken, habe aber Glück, denn meine ist offen. Es piepst nur, als ich ohne zu bezahlen darüber fahre. Ein italienischer Biker neben mir hat weniger Glück. Seine Schranke ist zu und bleibt es auch. Weder hilft da sein lautes Fluchen noch das Hupen der hinter ihm stehenden Autos. Wieder ist es ein deutsch sprechender Türke, der mir den richtigen Weg auf die Hauptstrasse weist. Irgendwann wird der Verkehr fließender, die Lkw’s weniger und die Luft klarer. 100 km Stadtgebiet liegen hinter mir – Anatolien, ich komme!

In Arifiye verlasse ich die D100 und biege ab auf die D650 nach Bilecik. Vor einer geschlossenen Bahnschranke lädt ein gemütlicher Teegarten zum Verweilen ein. Mit Landkarte bewaffnet und den Staub von der Brille putzend setze ich mich. Als ich den Tee zahlen möchte, schüttelt der Wirt lachend den Kopf und winkt ab. Gerade will ich losfahren, da ruft mich ein Gast zu sich. Ein älterer Herr, der in den 60er Jahren bei MAN in Nürnberg gearbeitet hat. „Setz Dich, trink einen Tee!“ „Danke ich habe gerade einen Tee getrunken.“ „Dann trinkst Du eben noch einen Tee!“ sind seine Worte. Warum nicht? Ich habe Zeit und setze mich. Woher ich komme, wohin ich möchte, was meine Route sei, wie viele Tage ich bereits unterwegs bin. All das ist von Interesse. Die herumsitzenden Gäste verfolgen es mit Spannung. Der freundliche Herr übersetz jede Antwort von mir und ein Raunen geht durch die Runde, als man hört, dass ich aus „Almanie“ komme und noch weiter möchte, bis nach „Surie“. Auch diesen Tee muss ich nicht zahlen und werde verabschiedet mit einem herzlichen „Güle Güle!“ – Gute Reise und auf Wiedersehen.

Endlich herunter von der Hauptverbindungsstrecke Istanbul – Ankara meinte ich, das gröbste an Verkehr hinter mir zu haben. Nein, es kommt genauso dick. Eine über 120 km lange Straßenbaustelle erwartet mich. Wie mir auf der weiteren Reise klar wird, werden in der Türkei aktuell alle wesentlichen Verbindungsstrecken von 2 auf 4 Spuren ausgebaut – und zwar gleichzeitig. Da es natürlich im gesamten Land nicht die für dieses Projekt erforderliche Anzahl an Baumaschinen gibt, befindet man sich praktisch unentwegt auf Schotter, in Staubwolken, fährt an Staus vorbei, schwitzt, flucht und denkt sich, „was mache ich hier eigentlich?!“ Scheinbar lautet der Auftrag, eine schlüsselfertige Autobahn zu liefern, sogar die Tankstellen werden parallel errichtet.

Vorbei ist der Spuk endgültig hinter Bozüyük. Im Kreisverkehr fahren die Lkw’s und Pickups eine Ausfahrt weiter, als ich und vor mir habe ich nun das, was ich suche: Endlose Strassen über weite Ebenen und sanfte Hügel, kaum Verkehr, eine karge Landschaft und in der Ferne die Bergkuppen Zentralanatoliens. Unmerklich steigt die Strasse an. Die Karte verrät, dass die Gipfel um mich herum eine Höhe von über 2.000 Metern erreichen. Vorbei an kleinen Seen, an deren Rand verschlafene Ortschaften liegen geht es nach Afyon. Afyon bedeutet „Opium“. Nahezu 80.000 Menschen sind dort heute legal mit dem Anbau und der Verarbeitung von Mohn beschäftigt. Hauptabnehmer ist die Pharmazeutische Industrie. Mich zieht aber etwas anderes dorthin. Am Rand der oberen Altstadt befindet sich die „Ulu Cami“, ein seltenes Beispiel einer seldschuckischen Holzmoschee aus dem 13. Jahrhundert, die sich hinter der unscheinbaren Fassade verbirgt. 40 eng stehende Holzsäulen mit geschnitzten Stalaktitenkapitellen, allesamt im Original erhalten, tragen eine dunkle Holzbalkendecke.

Die BMW parkt derweil auf dem Bürgersteig vor dem Hotel, das ich mir heute gönne. Der Besitzer grinst mich breit an und meint zu mir mit einer weit ausholenden Geste: „Alles aus Deutsche Mark“. Auch er hat jahrelang in Deutschland gearbeitet und jeden Pfennig gespart, um sich hier dieses Hotel kaufen zu können.

Am nächsten Tag wieder Anatolien pur. Kein Verkehr, karge Hügel, verdorrte Steppe um mich herum. An ein paar Stellen hat man Kiefern angepflanzt. Ob die dem Wind standhalten? Der Wind ist der Hammer. Eher Sturm. Mal von der Seite, mal von vorne. Scheinbar nie von hinten. Bei einem Fotostop winken mir zwei Lkw-Fahrer von der anderen Straßenseite aus ihren parkenden Lastern zu. „Cay!“ rufen sie laut. Mal sehen, was daraus wird, denke ich mir und fahre mit der GS auf die andere Seite. Einer drückt mir ein Glas mit dem köstlichen süßen Tee in die Hand, an dem ich mit meinen trockenen Lippen zufrieden nippe. Die Unterhaltung läuft prächtig. Die beiden sprechen fließend türkisch und ich höre fließend zu. Ab und zu nicke ich mal und, als ich zum Abschied Allahaismaladik – auf Wiedersehen - sage, sind sie ganz euphorisch. „Güle, Güle!!“ erhalte ich zur Antwort und weiter geht es nach Osten.

Die D330 und weiter die D750 sind landschaftlich ein Traum. Erst Hochgebirge mit bis zu 3.000 Metern hohen Gipfeln – liegt da Schnee, frage ich mich – dann hat man den Eindruck, man ist an der Côte d’azur. Eine perfekte Strasse windet sich über kleine Pässe durch Pinienwälder hinunter ans Meer. Ich halte an einer Lokantasi und lasse mir ein hervorragend gewürztes Kebab, einen Hackfleischspieß, mit Salat schmecken. Als einziger Gast werden aber wohl leider die gesamten Kosten des Tages auf mich umgelegt und ich bin sauer, dass ich nicht vorher nach dem Preis gefragt habe. Immer der gleiche Fehler.

Verhältnismäßig nahe an der Syrischen Grenze will ich heute möglichst weit kommen, um morgen entspannt in einer Werkstatt meinen Reifen wechseln zu lassen und ausreichend Zeit für die Grenzprozedur zu haben. Der ursprüngliche Plan, in der Bucht von Iskenderun irgendwo am Strand einen Campingplatz zu finden, erweist sich aber als vollkommen daneben und erscheint mir geradezu lächerlich, als ich sehe, was sich dort in der Bucht tatsächlich befindet. Über kleinste Strassen fahre ich am Meer entlang und rieche es als erstes – Öl. Dann ist es nicht mehr zu übersehen. Vorbei an Beladestationen für Megatanker und haushohen Kohlebergen fahre ich in die Dämmerung. Alles ist schwarz, die Strasse, die Autos, die Blätter der Pflanzen am Wegesrand – so muss der Vorhof zur Hölle aussehen. Die untergehende Sonne verleiht dem ganzen eine zusätzliche Dramatik. Nur weg hier, endlich einen Platz zum Schlafen finden.

Nach 700 Kilometern über kurvige Landstrassen finde ich in Dörtyol ein Hotel. Ein Taxifahrer zeigt es mir. Es ist wohl kein normales Hotel, eher eine Herberge für – ja für wen? Innen sieht es eher aus, wie eine Schule. Die Zimmer sind sauber und verfügen über eigene Bäder. Auch haben sie Namen, die klingen, wie aus 1001 Nacht. Das Mobiliar ist bescheiden, lediglich zwei Betten befinden sich im Zimmer und ein Schrank. Gut, dass ich meinen Klappstuhl dabei habe, auf ihm sitzend betreibe ich Kartenstudium für morgen und trinke ein wohl verdientes Efes. Nachts um drei weckt mich das Klingeln des Telefons. Auf dem Gang höre ich Schritte. Was ist denn jetzt los? Im Halbschlaf drehe ich mich um und schlafe weiter. Am kommenden Morgen dämmert es mir aber langsam. Offensichtlich bin ich in einer Koranschule gelandet. Angesichts dessen ist meine Hinterlassenschaft von zwei leeren Bierdosen im Zimmer natürlich von besonderer Brisanz.

Keine 100 km sind es mehr bis zur syrischen Grenze. Für mich bedeutet das, heute endlich den alten TKC 80 gegen den mitgebrachten Heidenau K60 zu tauschen. Lange hatte ich mit mir gehadert, einen Reifen mitzuschleppen. Angesichts einer Fahrstrecke von über 8.000 km und einem schon betagten Conti auf der Felge, erschien es mir dann aber doch sinnvoll. Die perfekt eingerichtet Reifenwerkstatt in Iskenderun schickt mich weiter zu einer kleinen Motorradbude. Dort wird dann alt hergebracht mit Montierhebeln das gute Stück in die Tiefbettfelge gepresst. Einen Reifendruck-Prüfer gibt es nicht. Wenigstens da kann mir ersterer Reifenhändler helfen. Die vorhandenen 4,5 bar reduziere ich um knapp die Hälfte und rolle frisch besohlt der syrischen Grenze entgegen.

Pünktlich zur Mittagszeit erreiche ich den Schlagbaum auf türkischer Seite. Dort läuft alles sehr zügig ab und 10 Minuten später stehe ich vor einem uniformierten Syrer, der mir erst einmal gebietet, mein Motorrad abzustellen um anschließend mit dem Kopf hinter sich deutend „Police“ zu fauchen.

Im Gebäude stehen 30 Leute, wild gestikulierend vor einem Schalter, hinter dem drei Uniformierte interessiert in Bildschirme blicken, um ab und zu eine Taste auf der Tastatur zu drücken. Eine Weile sehe ich mir das Spiel an und denke mir, ok, irgendwann wirst Du schon drankommen. Das ist ein Irrtum. Ständig kommen weitere Personen zu dem Tresen mit Bündeln an Reisepässen und einem Geldschein dazwischen, um die Prozedur zu verkürzen. Eine halbe Stunde geht das so, bis ich anfange, stinkig zu werden und auf mich aufmerksam mache. Ich erhalte Beachtung dahingehend, dass man mir ein Blatt hinwirft, das ich ausfüllen soll – komplett in arabisch. Auf meine Anmerkung, dass ich das nicht lesen kann, sagt man mir „Name, Surname, Father’s Name“. Na gut, ich fange also an zu schreiben. In der zweiten Zeile angelangt greift sich ein neben mir stehender Syrer den Zettel und dreht ihn um 180 Grad. Mit Fingern auf die einzelnen Schriftzeichen deutend sagt er mir in Englisch, wo ich welche Angabe zu machen habe. Endlich fertig damit, halte ich dem Passfritzen meinen Ausweis mit dem Zettel direkt unter die Nase und schaue so bös ich kann. Überraschender Weise klappt das sogar. mit einem lauten Knall landet der Einreisestempel neben dem Visum. Der Nächste Gang ist zur Bank, wo ich insgesamt 116 US$ für Versicherung und Zoll zu entrichten habe.

Für Syrien ist der Abschluss einer eigenen Versicherung notwendig, die man an der Grenze erhält. Zuerst denke ich, der Banker schickt mich nebenan in die Toilette, nicht in das Versicherungsbüro, bis ich merke, dass es dort noch eine Tür gibt, hinter der ein weiterer Beamter seinen wohlverdienten Mittagsschlaf hält.

Meine Information war, dass ein Carnet de Passage für Syrien nicht mehr notwendig sei. Etwas irritiert bin ich jedoch davon, dass praktische jeder um mich herum mit genau diesem gelben Heft herumläuft. Jetzt endlich verlangt der freundliche Schläfer danach. Statt dessen gebe ich ihm meinen internationalen Zulassungsschein. Er dreht das Ding mehrmals in den Händen und weigert sich, meinen Antrag weiter zu bearbeiten. Schließlich blättere ich das Heftchen auf der Seite mit den Arabischen Buchstaben auf und erkläre ihm, wo er was findet. Und siehe da, kurze Zeit später brummt der Drucker und spuckt meine Kfz-Versicherung aus.

Geprägt ist meine Erinnerung an arabische Grenzen von Büchern in immensen Formaten, in die meterlang Daten eingetragen werden. Und siehe da - es gibt sie noch! Die letzte Station ist tatsächlich der Zoll, der nun, nachdem meine Personalien in drei unterschiedliche Computer eingegeben wurden, nun auch noch alles in besagtes Buch einträgt und – und das haut mich echt um – in zwei Formularblöcke mit Durchschlagpapier.
1 ½ Stunden nachdem ich an der Grenze angelangt war, rolle ich auf der anderen Seite wieder heraus und bin – ich kann’s kaum fassen – in Syrien. 16 Jahre nachdem ich das Land an genau dieser Grenze verlassen habe, reise ich wieder ein. Mein Grinsen dürfte fast zu hören sein, so breit ist es.

Ein kleines Problem gab es allerdings – es war Freitag. Freitag ist in der moslemischen Welt ein Feiertag und das bedeutet, dass unter anderem alle Banken und Wechselstuben geschlossen haben. An der Grenze wollte ich kein Geld tauschen, der Kurs dürfte hundsmiserabel gewesen sein, dass Freitag ist, daran hatte ich aber nicht gedacht. Doch auch hier hatte ich Glück. In Latakia, der nächsten großen Stadt, frage ich in einem Cafe, wo es hier eine Möglichkeit gibt, Dollars zu tauschen. Ein Kartenspieler steht vom Tisch auf, fragt mich, wie viel ich wechseln möchte und gibt mir für meine 50 US$ 2.250 Syrische Pfund. Nicht sicher, ob ich jetzt gnadenlos über’s Ohr gehauen wurde, frage ich in einem Hotel noch mal. Doch auch dort erhalte ich 2.250 für 50 Dollar. Das sollte für die nächsten Tage reichen.

Von Latakia wollte ich die auf dem Weg liegende „Saladin Burg“ besichtigen und weiter über den Gebirgszug Jabal al Ladhiqiyah hinunter in das Al Ghab- Tal, dem der Orontes seinen fruchtbaren Boden schenkt. Immerhin gehört die Saladin Burg oder Qalaat Sayhun zum UNESCO Weltkulturerbe. Scheinbar wollen die Syrer aber nicht, dass man sie besichtigt. Anders ist es nicht zu erklären, dass nicht ein einziges Schild einen Hinweis auf die entsprechende Abzweigung liefert – zumindest keines in lateinischer Schrift. Nachdem ich zum 20. Mal nach dem Weg gefragt hatte, fahren ein paar Jugendliche mit ihren Mopeds voraus und zeigen mir die richtige Abzweigung zur Ruine.
Der Name der Burg ist missverständlich. Saladin hat das Castel keineswegs errichtet. Nach Aufgabe durch die Kreuzritter hat es ihm zu Ehren lediglich seinen Namen erhalten. Auch habe ich schon besser erhaltene Burganlagen gesehen und halte mich daher nur kurz dort auf.

Es ist fast Abend und mit Hotels, geschweige denn Camping Plätzen, sieht es hier schlecht aus. Laut Karte muss es eine Übernachtungsmöglichkeit in Slinfah, der nächsten Kleinstadt geben. Dort ist allerdings die Hölle los. Syrische Touristen verstopfen zu Tausenden die Strassen. Es ist der letzte Tag vor dem Fastenmonat Ramadan und den genießen die Moslems ganz offensichtlich in vollen Zügen. Während des Ramadans ist es ihnen nicht erlaubt, vor Sonnenuntergang zu essen oder zu trinken. Bei 35 Grad im Schatten nicht spaßig. Irgendwann bin ich aus dem Verkehrskneul ohne ein Hotel gesehen zu haben wieder draußen und habe keine große Lust, wieder umzudrehen. Über einen Kamm mit absolut traumhaftem Ausblick fahre ich also weiter, hinunter in das Tal des Orontes.

Auf halber Strecke mache ich Station, um ein Cola zu kaufen und wechsle ein paar Worte mit dem Geschäftsinhaber. Ein Gespräch ist leider – wie in den meisten Fällen – nicht möglich, da kaum ein Mensch Englisch spricht und sich meine Arabisch Kenntnisse auf die Grußformeln, Wasser, Brot und Danke beschränken. Dennoch muss ich das Cola nicht bezahlen, da scheinbar nicht jeden Tag ein vollkommen verdreckter Europäer mit einem Motorrad vor seinem Laden hält, um ein Getränk zu kaufen und ihm zu verstehen gibt, wie toll er die Gegend hier findet.

Im Tal angelangt steht die Sonne schon verdammt tief und ich mache mir langsam Gedanken über meinen Schlafplatz. Der Plan, irgendwo abseits der Strasse wild zu zelten, verfestigt sich mehr und mehr. Was mir allerdings noch fehlt ist Brot zum Abendessen. Eine Dose Tunfisch dümpelt noch irgendwo im Alukoffer herum und Wasser habe ich ausreichend. An einer Konditorei halte ich und frage nach Brot – khubbz. Man verneint und präsentiert mir stattdessen auf einem Teller, was man hier zu bieten hat. Als ich ablehne, schütteln alle nur freundlich den Kopf und halten mir die leckeren Gebäckstücke noch mehr unter die Nase. Offensichtlich soll ich probieren und das Zeug schmeckt wirklich verdammt gut. In den nächsten 5 Minuten nehme ich vermutlich über 2000 kcal zu mir. Zum Schluss kommt auch noch jemand angerannt, der mir zwei Fladenbrote in die Hand drückt. Ich falte sie zusammen, wie eine Zeitung und verstaue sie in meinem Koffer. Zahlen? Was für ein Ansinnen!

Kaum eine Viertel Stunde später entdecke ich an einem Feldweg, der von der Hauptstrasse abzweigt, hinter einer Hecke den idealen Schlafplatz. Es wurde höchste Zeit. Bereits im Dunkeln aber unter einem traumhaften Sternenhimmel, den es wohl nur in dieser trockenen Luft zu bestaunen gibt, esse ich und schreibe mit Stirnlampe meinen Tagebucheintrag.

Das Ziel meiner Reise erreiche ich am nächsten Tag. Nachdem ich mangels lateinischer Wegweiser den Weg wieder erfragen musste und bei der Gelegenheit prompt wieder zum Tee eingeladen wurde, erreiche ich mittags das Ziel meiner Reise, die am besten erhalten Burganlage des Mittelalters, den Crac des Chevaliers oder Qalat al Hosn. Von Norden kommend existiert auch hier nicht ein einziges Schild, das einen Hinweis auf die Festung gibt. Wieder ist Fragen angesagt. Ich gebe zu, dass meine arabische Aussprache sicher zu wünschen übrig lässt. Viele der Gefragten wissen nicht, was ich möchte. Ich denke mir dagegen, was sollte ein Tourist in dieser Gegend des Landes wohl sonst suche, als diese gigantische Kreuzritterburg?

Schließlich stehe ich aber vor den Mauern des Crac und fühle fast so etwas, wie Wehmut. Über 4000 km bin ich jetzt unterwegs und am Ziel meiner Reise. Fast um mich abzulenken fotografiere ich die Mauern der wahrhaft imposanten Anlage aus allen Winkeln und am Ende mich selbst mit Fernauslöser, die Kamera auf dem Stativ. Neben dem italienischen Biker in Istanbul treffe ich hier die einzigen weiteren Motorradfahrer, eine Gruppe von drei Slowaken. Leider kommen wir aber nicht ins Gespräch.

Beeindruckend ist nicht nur die Größe sondern auch die Präzision, mit der die Anlage erstellt wurde. Wie viel Millionen von Steinen wurden hier vor tausend Jahren nur mit Hammer und Meißel bearbeitet, damit sie sich perfekt in die Mauern, in die Gewölbe und in die Bögen einfügen. Eine Kirche im Stile der Hochgotik befindet sich im Inneren. Die Fenster lassen noch erahnen, welcher Aufwand auch hier betrieben wurde. Im April 1271 mussten sich die Johanniter den Belagerern unter Sultan Baibars ergeben und zogen unter Zusicherung freien Geleites ab. Militärisch genutzt wurde die Anlage tatsächlich bis in das 19. Jahrhundert.

Die Sonne steht fast senkrecht, als ich den Anlasser betätige. Es ist nicht mehr weit zu meiner nächsten Station - Palmyra.

Ein kurzes Stück syrischer Autobahn liegt vor mir und anschließend gut 150 km Wüste. Die Strecke ist mir noch in Erinnerung. Damals von Damaskus kommend, wurde die Hitze irgendwann so stark, dass es kühlte, wenn man das Visier schloss. Der Fahrtwind wärmte. Dieses Erlebnis steh mir auch nun wieder bevor.

Palmyra erreiche ich am späten Nachmittag. Mein Ziel ist der Campingplatz Al-Baider, traumhaft gelegen, direkt neben dem Bel Tempel. Früher gab es eine Alternative hierzu, das Zenobia Hotel, in dessen Garten man zelten konnte und was wir seinerzeit taten. Dieses Angebot ist allerdings– und da passt es gut zu Palmyra – Geschichte. Im Licht der untergehenden Sonne wandere ich durch die Säulenalleen, fahre hinauf zur Zitadelle und in das Tal der Gräber. Die Straßenführung ist zwischenzeitlich geändert, beeindruckend ist die Anlage nach wie vor.

Früh am nächsten Morgen bin ich bereits unterwegs zum letzten bedeutenden Ziel meiner Rundreise, dem südlichen Jagdschloss inmitten der syrischen Wüste, Qasr al Hair ash Sharqi. Stand ich 1993 noch mit einem Kompass auf einem Hügel, um am vermeintlichen Pisteneinstieg die Richtung zu überprüfen, führt heute eine asphaltierte Strasse fast bis zu den beiden gewaltigen Rundtürmen. Eine geringe Herausforderung gilt es für mich dennoch zu bewältigen, als ich mit fast leerem Tank die als sicher existierende Tankstelle in As Sukhnah ansteuere und den schlafenden Tankwart erst durch lautes Rufen und Hupen auf meine Existenz aufmerksam machen musste.

Qasr al Hair ist im Wesentlichen ein Trümmerfeld mit Mauer darum und mir stellt sich die Frage, was um Himmels willen man denn hier mitten in der Wüste gejagt haben mag. Irgendetwas mit Falken, vermute ich, und werde in meinen Überlegungen unterbrochen von zwei Jungen, die auf Eseln herangallopiert kommen. Beeindruckt von meiner alten GS ziehen sie kurze Zeit später weiter und ich bin mit dem Wüstenwind wieder alleine.

Die Strecke nach Norden in Richtung Ar Raqqah ist heute durchgängig asphaltiert. Vorbei sind die Orientierungsprobleme an den sich teilenden Spurenbündeln. Hier hatten wir uns seinerzeit mehrmals verfahren und ich hatte am Ende auch noch eine Reifenpanne. Der einzige Nagel im Umkreis von 100km steckte in meinem Hinterreifen. Auf dem Weg nach Norden passiere ich immer wieder kleine Dörfer. Was machen diese Leute hier? Wovon leben sie? Diese Fragen drängen sich auf in dieser Hitze, umgeben von Sand, Geröll und Staub. Auf einer Anhöhe halte ich, schalte den Motor aus und genieße in vollen Zügen die Wüste. Was für eine Weite! Die Straße schlängelt sich in leichten Kurven über sanfte Hügel. Kein Geräusch stört das unendliche Lied des Windes, der über die Ebenen weht. Ich trinke einen Schluck Wasser und sehe in die Ferne. Das ist es , was ich gesucht habe.

In Ar Rusafa, am Nordrand der syrischen Wüste, bieten sich weiter Möglichkeiten, Zeugen der Antike zu bestaunen. Den Motor stelle ich aber erst in Hammam, einem winzigen Ort an der Auffahrt zur Hauptstrasse nach Aleppo ab, um im dortigen Postamt Briefmarken für die obligatorischen Urlaubskarten zu erstehen. Drei Telefonate kostet es den freundlichen Herrn, um herauszufinden, wie hoch das Porto dafür wohl sein mag.

Wieder im Freien und guten Mutes, heute in Aleppo zu nächtigen, drücke ich auf den Anlasser und es geschieht – NICHTS.

Das Problem hatte ich schon einmal, vermutlich hat sich ein Kabel von der Batterie abvibriert, kein Problem. Also Gepäckrollen runter, Sitzbank ebenfalls und nachgesehen. Die Kabel sind fest. Also die Kabel vom Zündschloss. Auch nicht. Sicherungen. Alle ok, langsam wird mir unwohl. Ein Wackelkontakt. Ich zerre am Kabelbaum. Sollte die Batterie...? Aber von einem Moment auf den anderen? Das halbe Motorrad zerlege ich und finde nichts. Umringt von einem Dutzend „Helfern“, die alle mit Tips zur Seite stehen, schraube ich bei über 30 Grad im Schatten an meiner BMW herum. Immer wieder kommt der Vorschlag, einen Mechaniker zu holen. Was will der aber hier ausrichten, denke ich mir. Schließlich gebe ich nach und ein Typ mit ölverschmierten Händen taucht auf, der wohl besagter Experte sein muss. Der fragt mich erst mal nach den Sicherungen, ob ich Benzin im Tank habe und ähnliches. Alles mit Händen und Gesten, Englisch spricht kein Mensch. Nur eines habe ich inzwischen begriffen, in Ordnung heißt „Tamam“ und es ist ALLES „tamam“.

Durch Zufall stoßen die heiligen Hände des Experten an irgendein Kabel und schlagartig brennen wieder alle Kontrollleuchten. Ich drücke auf den Anlasser und die Kiste läuft. 100 Pfund gebe ich freiwillig, 300 will der Experte für sein Rumgenackle an den Kabeln und Angesichts der um mich herumstehenden Meute gebe ich sie ihm.

20 Meter vor mir ist die Einmündung zur Hauptstrasse und weitere 50 Meter weiter befindet sich eine Tankstelle. Genau dort beginnt die Ladekontrollleuchte zu brennen. Ich halte an, schalte den Motor aus und hätte es nicht getan, wenn ich gewusst hätte, was jetzt kommt. Wieder tut sich nichts mehr, nachdem ich den Zündschlüssel drehe. Alles tot. Die Prozedur beginnt von vorne, nur entspannter, da lediglich der Tankwart daneben steht, der mir interessiert über die Schulter blickt. Nach einer halben Stunde bringt er mir eine Flache Wasser. Nach einer Stunde Gefummel und Gesuche entschließe ich mich, den ADAC, dessen langer Arm bis nach Syrien reicht, anzurufen. Die Dame in München versichert mir, in 90 Minuten kommt ein Mechaniker, der den Schaden entweder repariert oder das Fahrzeug zur nächsten geeigneten Werkstatt bringt. Ich muss lachen und sage der Dame freundlich, dass ich da ja richtig gespannt bin, wo sich diese befinden mag.

Es ist Sonntag, es ist kurz vor 17:00 Uhr und ich befinde mich an einer Tankstelle am Rande der syrischen Wüste. Seit dem Morgen habe ich nichts gegessen, ich habe keine Ahnung, wo der Fehler sein könnte und dass hier jemand auftaucht, der das ändert, daran habe ich meine Zweifel.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit bietet man mir an, dass ich in der Tankstelle schlafen kann. Inzwischen sind noch zwei Männer aufgetaucht, die hier tatsächlich zu wohnen scheinen. Man ist unglaublich nett zu mir, hilft, wo es geht aber es ändert nichts an meiner Situation. Nach 2 Stunden meldet sich ein Mitarbeiter des ADAC. Er erreiche den syrischen Kooperationspartner nicht, es liege wohl am Ramadan. Man zeigt mir mein Quartier, einen Raum in der Tankstelle, sauber und mit einer Matte auf dem Boden. Sogar eine Dusche gibt es, auch nicht schlechter, als die in Palmyra auf dem Campingplatz. Was soll’s, auf meinen Reisen durch Asien habe ich eines gelernt: Gelassenheit ist das einzige, das in solchen Situationen angebracht ist. Zu ändern ist es nicht und alles andere verschlimmert nur die Lage.

Kaum ist die Sonne untergegangen, wird aufgetischt. Ich bin eingeladen und meine beiden Gastgeber Abdulla und Adnan bieten mir Humus, Salat, Nudelsuppe, Quark und Brot an. Sogar einen Kaftan bekomme ich zur Verfügung gestellt. Beide sprechen kein Englisch und ich habe nur eine kopierte Seite aus dem Reiseführer mit allgemeinen Floskeln. Für die Länge einer Wasserpfeife nach dem Essen reicht aber der Gesprächsstoff und ich schlafe auf meiner Thermarest wie ein Murmeltier.

Die Realität holt mich am kommenden Morgen ein. Von Seiten des ADAC oder des Kooperationspartners kann mir niemand helfen. Zwischenzeitlich hat meine Frau die Telefonnummer meines Mechanikers in München, Herbert Wimmer, der seinerzeit die BMW-Motorräder bei der Rallye Paris-Dakar wartete, herausgefunden und die des Auslands- Pannendienstes von BMW Motorrad. Letztere waren der Knaller. Ich soll die Batterie prüfen und die Sicherungen, Werkstatt gibt’s in der Türkei. Herbert gab mir die Tips: Kurzschluss im Anlasser, Diodenplatte oder Kabelbruch. Die Diodenplatte war in Ordnung, alles andere konnte ich mangels Prüflampe oder Messgerät nicht prüfen. Aus einer Laune heraus trete ich gegen Mittag auf den Kickstarter – und die Kiste läuft! Es funktioniert nichts, kein Licht, kein Blinker, keine Hupe aber sie läuft und die Ladekontrollleuchte bleibt aus.

Nachdem ich sowieso keine fremde Hilfe erwarten kann, gehe ich das Risiko ein, nach 50 km mit leerer Batterie wieder liegen zu bleiben und beschließe, weiter zu fahren. Die Verabschiedung ist herzlich und auch meine beiden Gastgeber werden dieses Erlebnis wohl noch Jahre in ihrer Erinnerung behalten. Ich fahre nach Westen, an Ath Thawrah vorbei, biege in Mahdum ab nach Norden in Richtung Manbij und weiter nach Jarabulus zur Türkischen Grenze. Die BMW läuft. Sie läuft, ich kann es kaum fassen. Nach zwei Stunden Fahrt bin ich mir sicher, der Generator lädt, die Batterie ist ok., ich habe sonst keinen Strom aber zur nächsten Werkstatt in der Türkei schaffe ich es sicher. Langsam nähere ich mich der Grenze. Sollte ich wieder einmal nach Syrien fahre, werde ich dies über den Grenzübergang bei Jarabulus tun. So etwas habe ich noch nicht erlebt.

Vor dem Zollgebäude sitzen die Beamten ins Gespräch vertieft. Ich solle mein Motorrad dort abstellen, da hinten sei die Polizei. Also ab mit dem Pass dorthin. Als einzigem Grenzgänger wird mir ein Glas kaltes Wasser serviert und ein Stuhl angeboten. Derweil tippt ein Polizist meine Daten in einen Computer. „Tax Stamp“, bedeutet man mir, irgendwelche Steuern, die zu bezahlen sind. Zurück zum Zoll mit der illustren Männerrunde vor dem Gebäude. „Quatsch”, meint der Zöllner, “er regelt das“, nimmt mich an der Hand und geht mit mir zusammen zur Polizei. Ach ja, das hat er vergessen, 500 Pfund muss ich zahlen. Ich habe keine 500 Pfund. Egal, 12 Dollar tun’s auch. Der Zöllner wechselt. Ist außerhalb der staatlichen Banken streng verboten aber was soll’s. Man klebt Marken und zeigt mir auch, dass es tatsächlich Steuermarken sind, kein Bakschisch. Ob ich Tee möchte? Ich schaue dumm, überlege kurz - ja, eigentlich schon. Man kehrt zurück mit einem Glas Tee für den Aleman. Nach 15 Minuten ist alles erledigt, ich trete die BMW an und holpere über Bahngleise hinein in die Türkei. Tschüss Syrien, ich hab’s genossen – mit allen Hochs und Tiefs.

Auf Türkischer Seite ein ähnliches Bild. “Alleman?” Ist die erste Frage. Als ich bejahe sagt man mir auf Deutsch. „Zuerst Doktor, dann Polizei da hinten, dann Zoll da vorne, dann wieder zu mir“. “Alles klar.” Frau Doktor misst neben eines spannenden Telefonates meine Temperatur. Scheinbar nicht von der Schweinegrippe heimgesucht gehe ich zur Polizei, hole meinen Einreisestempel und motze beim Zoll erst, nachdem sich der Dritte vorgedrängelt hat. Ich wechsle noch Geld, die BMW springt beim ersten Tritt an und oben auf der Agenda steht nun Gaziantep, die nächst größere Stadt.

Vom BMW Auslandsdienst erhielt ich einen Hinweis auf eine BMW Motorradwerkstatt zwischen Adana und Mersin, also in relativer Nähe. Nach der letzten Nacht in der Tankstelle, bette ich mein Haupt heute in einem Hotel in Osmaniye zur Ruhe, die Kuh schläft in der hoteleigenen Tiefgarage. Wenn die morgen mit Kicken nicht anspringt, dann Mahlzeit. Prompt ist dem Motor kein Mucks zu entlocken. Ich hüpfe auf dem Kickstarter herum und flute vermutlich die Zündkerzen mit Sprit. Es hilft nichts, Schieben ist angesagt. In der Tiefgarage auf dem glatten Boden aussichtslos, also muss die Kiste raus. Die Rampe rauf. Ein junger Hotelbursche muss dran glauben und wir schieben die BMW nach oben. Keine 10 Meter gerollt und der Boxer blubbert vor sich hin – warum nicht gleich so.

Ohne große Schwierigkeiten finde ich “BMW Borusan” auf Anhieb. Eine super moderne Werkstatt ganz im CI von BMW. Ich bin platt, als mir der Mechaniker dann auch noch erklärt, er habe die gleiche Maschine und kümmert sich sofort darum. Im luxuriösen Ausstellungsraum nehme ich Platz, schreibe im Tagebuch und trinke Unmengen von Tee. Mittags lädt man mich zum Essen in der Kantine ein und so vergehen die Stunden. Am Nachmittag bittet man mich dann zum Werkstattleiter, der perfektes Englisch spricht und mir vorschlägt, ich solle mir ein Hotel suchen, das kann hier noch ein paar Tage dauern. Sie finden den Fehler nicht. Nach kurzer Überlegung entschließe ich mich, weiter zu fahren. Ich bin jetzt 500 km weit gekommen, warum nicht 4.000? Wenn es wirklich nicht mehr geht, kann ich immer noch in eine Werkstatt gehen. Ab jetzt und mit jedem Meter weiter nach Westen, wird es leichter, eine solche zu finden.

Ursprünglich wollte ich mir auf dem Rückweg etwas mehr Zeit lassen, das ist das einzige, wo ich Abstriche mache. Urlaubsstimmung will nun nicht mehr so recht aufkommen, und für häufige Stops ist die Startprozedur zu aufwendig. Nicht immer springt der Motor sofort an. Besonders, wenn er richtig heiß ist, kann man den Kickstarter vergessen. Zahlreiche Tankwarte, die mir beim Schieben geholfen haben, können ein Lied davon singen. Die letzten Stunden bis Sonnenuntergang fahre ich an der Küste entlang und finde kurz vor Silifike einen Campingplatz, der in erster Linie türkische Dauercamper beherbergt. Hauszelte, zu wahren Burgen zusammengestellt, gammeln hier scheinbar schon Jahre vor sich hin. Der Blick auf’s Meer ist super, nach links oder rechts darf man sich allerdings nicht wenden. Mülltonnen und Hochhäuser bieten die Kulisse. Die Krönung ist ein Kettenkarussell, in dessen Nähe ich mein Zelt aufschlage. Es ist einfach der schönste Platz und ich denke mir, auf diesem Schrott fährt sowieso kein Mensch, das steht hier sicher seit Jahren und verrottet. Keineswegs! Kaum ist es Dunkel, erwacht es zum Leben. Bis 1 Uhr in der Nacht dreht sich das Ding unter lautem Getöse, begleitet von den letzten Hits aus den Türkischen Charts. Glücklicher Weise bin ich so müde, dass ich kaum etwas davon mitbekomme und starte gut ausgeruht sehr früh am nächsten Morgen.

Ab jetzt geht es wieder quer durch das Landesinnere hinauf nach Norden. Die D715 hinter Silifike gehört zu den schönsten Strecken, die ich auf dieser Reise gefahren bin. Bestens ausgebaut führt sie durch eine traumhafte, mediterrane Mittelgebirgslandschaft mit unglaublichen Ausblicken auf weite Täler und Berggipfel, die auch hier die 2000 Meter Marke deutlich übersteigen. In der Hochebene lasse ich es laufen. Motorräder dürfen in der Türkei 70 km/h fahren, ich bin mit 90 bis 100 unterwegs. Am Straßenrand stehen Schilder mit dem Hinweis „Radar“. Geradezu lächerlich, denke ich mir und werde prompt kurze Zeit später herausgewunken. Das darf nicht wahr sein! Tatsächlich erhalte ich einen Strafzettel wegen zu schnellen Fahrens. 128 Türkische Lira, also etwas über 60 Euro. Die beiden Polizisten sprechen nur Türkisch. Man händigt mir den Strafzettel aus und zeigt mir auf der Rückseite die in Englisch gehaltene Passage, wie und wo ich meine Strafe bezahlen kann. Für Ausländer: Am Zoll bei der Ausreise. Bin ich sauer!

Istanbul auch auf dem Rückweg zu durchfahren möchte ich mir nicht antun und wähle die Fährpassage über die Dardanellen bei Canakkale. So genau habe ich mich nicht informiert und folge dem ersten Schild Ferry Boat. Jetzt weiß ich, es gibt mindestens zwei Routen. Die direkte, auf dem kürzesten Weg von Canakkale auf die gegenüberliegende Seite und die, die ich gewählt habe. Kepez ein Stück den Kanal hinauf bis unterhalb von Yalova. Die Passage dauert zwar etwas länger, letztendlich bin ich aber froh, so ein wenig zu entspannen und genieße die Fahrt vorbei am alten Kastell und bestaune die Öltanker, die mit ihren haushohen Schiffswänden zum Greifen nahe an unserer Nussschale vorbeifahren.
Nach einer Stunde ist die Kreuzfahrt zu Ende und ich bin wieder in Europa. Ein ganz seltsames Gefühl beschleicht mich. Das Besondere dieser Reise, über die Ebenen Zentralanatoliens zu fahren, die unsägliche Hitze der Syrischen Wüste, die vielen Menschen, die mich zum Tee eingeladen haben, mir Fladenbrot schenkten und Tomaten, die Zöllner, die mir Tee während meiner Wartezeit servierten, das alles liegt auf der anderen Seite dieser Meerenge. Dann denke ich aber an die Länder, die noch vor mir liegen und freue mich ein Stück weit auch wieder darauf, nicht permanent über mehrere Zentimeter hohe Teerflicken, Asphaltschwellen und diesen nervigen groben Rollsplitt fahren zu müssen.

Als ich vor 20 Jahren das letzte Mal die Grenze nach Griechenland bei Ipsala überschritten hatte, parkten vor einem Verwaltungsgebäude, in das man zur Passkontrolle musste, zahlreiche Autos, ein paar Wohnmobile und meine BMW. Vollkommen überrascht komme ich heute an einen hypermodernen Grenzposten, der quasi im Fließbandsystem die gesamte Polizei- und Zollkontrolle erledigt. Vier Schlangen an Autos, meist auf dem Heimweg befindliche Gastarbeiter mit großteils deutschen Kennzeichen, stehen vor mir und es geht trotz der Akkordarbeit der türkischen Zöllner nur schleppend voran. Ich schalte den Motor aus. Wir haben locker 35 Grad und trotz Ölkühler möchte ich ihm eine Stunde Leerlaufbetrieb nicht zumuten. Er wird schon wieder anspringen.

Mein Vorsatz, den leidigen Strafzettel nur zu zahlen, wenn ich darauf angesprochen werde, verhärtet sich angesichts dieses Systems, doch auch das letzte Blauhemd scheint nichts zu wissen. Die BMW läuft und ich fahre über die Brücke hinüber nach Griechenland. Hier geht erst mal gar nichts und nach einer halben Stunde auf der Stelle stehend ist es mir schlicht Schnurze, was man von mir denkt. Ich schere aus der Reihe aus und stelle mich frech ganz vorne in die Schlange für EU-Bürger. Man kontrolliert mich nicht einmal, sieht nur die Außenseite des Passes mit dem Sternenkranz und winkt mich durch. Hinter mir ruft ein Deutsch-Türke: „Wird Zeit, dass wir auch in die EU kommen!“ und winkt mir nach.

Angesichts der Spritpreise in der Türkei jenseits der 1,60 €, rolle ich mit fast leerem Tank hinein nach Griechenland und sollte möglichst rasch eine Tankstelle suchen. Unmittelbar hinter der Grenze beginnt die perfekte, neu gebaute Autobahn hinüber nach Igoumenitsa. Die Strecke ist mautfrei und besser in Schuss, als unsere A8 vor der Haustür. Einziges Manko: Es gibt keine Rastplätze oder Tankstellen direkt auf der Strecke, man muss die Autobahn dazu verlassen. Natürlich ist die Strecke am Meer entlang viel schöner. Nach über sechstausend Kilometern habe ich aber heute keine Lust, Landstrasse zu fahren und mich durch die ganzen Städte zu stauen, wie das früher notwendig war. Ich genieße es, mit etwas über 100 km/h die Füße auf die Sturzbügel zu legen und weit zurückgelehnt durch das karge Hinterland zu cruisen.

An Thessaloniki konnte ich mich noch erinnern. Das bedeutete jedes Mal mindestens eine Stunde Zeitverlust. Die Strasse führte direkt durch das Stadtzentrum, vorbei am Hauptbahnhof. Hier musste alles durch, was von Ost nach West wollte oder umgekehrt. Heute ist es für mich das Ziel meiner Tagesetappe. Hier verlasse ich die Autobahn und fahre ein Stück hinauf nach Norden in Richtung Mazedonien, um mir eine Unterkunft zu suchen. Auf dem Hotelparkplatz erledige ich das, was ich schon seit zwei Tagen plane, ich sorge für meine Erleuchtung.

Nachdem ich vollkommen ohne Strom unterwegs war, nur der Motor lief, bei jedem Zuschalten von Licht, Blinker oder Hupe aber als einziges die Ladekontrollleuchte an ging überprüfte ich, ob denn mein Bremslicht funktioniert. Gebremst hatte ich oft genug, im Cockpit aufgeleuchtet hatte aber nichts. Und tatsächlich, wenn ich das Bremspedal drückte, leuchtete hinten die Lampe. Der hintere Kabelbaum ist getrennt vom vorderen, der Fehler liegt also dort oder in einem der Aggregate. Den Scheinwerfer und das Rücklicht schloss ich direkt an die Batterie an, legte eine Masseleitung zum Rahmen und siehe da, tatsächlich funktionierte das Licht. Nichts deutete darauf hin, dass es zu Lasten der Batterie ging. Am nächsten Tag besorgte ich mir in einem Elektrogeschäft unterwegs einen einfachen Schalter, den ich mit einem Kabelbinder und etwas Isolierband an der Lenkerstrebe befestigte. Jetzt war mir wohler. Spätestens die kilometerlangen Tunnels auf der Tauern-Strecke in Österreich wollte ich ungern komplett ohne Beleuchtung fahren.

Die Mazedonisch Grenze, die ich kurz danach erreichte, übertraf an Schikane so ziemlich alles, was ich bisher erlebt hatte. Nachdem der Zöllner in meinem Pass den Türkischen Einreisestempel entdeckt hatte und zudem noch mehrere alte aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, war für ihn klar: Dieser Biker schmuggelt Rauschgift!

Alukoffer und Packsäcke werden untersucht und tatsächlich verlangt er, ich solle den Tank öffnen. Der ist randvoll. Mit seiner Taschenlampe versucht er krampfhaft am Boden doch noch das eine oder andere Tütchen zu entdecken. Fehlte bloß noch, dass ich den Sprit hätte ablasen müssen. Volldepp, denke ich mir, als ich alles wieder zusammenpacke. Im Nachhinein kann ich ihn verstehen, habe ich doch so schön in sein Weltbild gepasst.

Knapp zwei Stunden später stehe ich vor der albanischen Grenze und bin jetzt so richtig neugierig, was die sich ausgedacht haben. Der Oberaufpasser deutet mir, ich solle das Motorrad an die Seite stellen, meinen Pass bei der Polizei stempeln lassen und zum Zoll gehen, damit die Fahrzeugdaten erfasst werden. Gesagt getan und 10 Minuten später bin ich - vollkommen baff, wie problemlos das ging - in Albanien.

Zur Reisevorbereitung hatte ich mir unter anderem die ADAC Reisekarten besorgt. Dort wird vor dem miserablen Straßenzustand in Albanien ausdrücklich gewarnt, „höchste Vorsicht ist geboten“ steht dort. Nachdem ich sicherheitshalber 10 Euro in Albanische Lek gewechselt hatte, war ich auf das Schlimmste gefasst. Doch Fehlanzeige. Waren es Fördergelder oder die eigene Staatskasse, die Strassen sind bestens. Was bei mir allerdings heftigstes Kopfschütteln bis hin zu vollkommener Verständnislosigkeit auslöste, war das, was sich direkt hinter der Grenze darbot. Wie so häufig, liegt auch der Grenzübergang am Ohrit See, den ich benutzt habe, auf einer Anhöhe. Hunderte von Erdbunkern erwarten mich nur wenige Meter hinter dem Schlagbaum. Scheinbar ist der gesamte Hügel vollkommen mit Tunnels unterhöhlt und im Abstand von nur wenigen Metern erkennt man Betonkuppeln mit Sehschlitzen. Vor was hatten diese Menschen Angst? Welche Reichtümer hätte ein Land diesem Volk rauben sollen? Wie vollkommen verblendet, um nicht zu sagen verblödet, muss diese Regierung gewesen sein?

Sei’s drum. Die Landschaft ist gigantisch. Die Strecke führt mich nach Elbasan und von dort weiter zur Hauptstadt Tirana. Nicht auf der Karte erkennbar ist, dass es sich bei diesem Abschnitt um eine Gebirgsstrasse erster Klasse handelt. Unmittelbar hinter Elbasan steigt die Strasse in zahlreichen Kehren steil bergan. Es eröffnen sich traumhafte Ausblicke auf die Ebene und die dahinter liegenden Gebirgszüge. Hier wird deutlich, wie bergig Albanien ist. Kaum kann ich glauben, das ich mich auf nur 500 Meter Meereshöhe bewege. Die Streckenführung hat hochalpinen Charakter und jeder Dolomiten Fan käme hier voll auf seine Kosten.

Kurz vor Tirana beschließe ich, nochmals zu tanken. Das Starten des Motors nach dem Tanken ist immer ein Problem. Woran es liegt weiß ich nicht aber fast immer war es irgendwann notwendig, kurz zu schieben. Dann sprang die BMW auch sofort und ohne Probleme an, nur war ich auf die Hilfe des Tankwarts angewiesen. Mit den Koffern und dem ganzen Gepäck wog die Fuhre locker 350 Kilo und Aufspringen ist dann auch nicht mehr so lustig.

An dieser Tankstelle arbeitete ein Mann, der so unglaublich fett war, dass selbst sein XXL T-Shirt seinen Bauch nicht ganz bedecken konnte. Genau der musste nun dran glauben. Brav machte ich meine Turnübungen auf dem Kickstarter, um nach dem 20. Mal die übliche „push-Bewegung“ mit den Händen anzudeuten. Tatsächlich schob der Gute auch, nur diesmal sprang die Kuh nicht an. Fluchend und ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen ging er zurück zu seinem Gartenschlauch, um seine Arbeit, das Klo damit auszuspritzen, weiter fortzusetzen. Und ich stand da, auf der Hauptstrasse nach Tirana, inmitten hupenden Verkehrs und guckte dumm. Wenigstens viel die Strasse leicht ab, als ich mich dann eben selbst abmühte und, wie auf ein Fahrrad, über die Fußraste auf die Fuhre aufsprang. Kupplung kommen lassen und – der Boxer boxt wieder.

Tirana ist ein graus. Die Stadtverwaltung hat einige Betonblocks bunt streichen lassen, damit das Stadtbild etwas freundlicher wirkt. Es gibt keine Beschilderung. Von der Karte her muss ich einfach nur gerade durch, direkt durch die Innenstadt. Quasi im Vorbeifahren werden die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abgelichtet. Mag sein, dass ich der Stadt Unrecht tue, selektive Wahrnehmung wahrscheinlich.

Ohne mich groß zu verfahren lande ich kurze Zeit später auf einer mindestens 5-spurigen Strasse stadtauswärts. Der einzigen Beschilderung „Airport“ folgend, treffe ich tatsächlich auf die Landstrasse nach Shkoder. Wie vom Kartenverlauf her nicht anders zu erwarten, verläuft diese nahezu ohne jegliche Kurven geradeaus nach Norden. Die Strecke ist vollkommen überlastet und wird zudem gerade ausgebaut. Das ist dringend notwendig, verschlimmert die Situation jetzt aber natürlich zusätzlich. Jeder Kieslaster, der mit 30 km/h dahinschleicht verursacht einen kilometerlangen Stau. Überholen scheidet aus, da es in der Gegenrichtung genauso aussieht.

Auf einer Reise nach Saigon vor einigen Jahren dachte ich mir schon, wenn jeder der heute mit einem Fahrrad herumfährt später ein Auto lenkt, ist hier kein Durchkommen mehr und genau so verhält es sich in Albanien. Das Auto ist in 10 Minuten gekauft, der Ausbau der Strassen benötigt Jahre. 

Am Horizont wachsen bedrohlich riesige Wolkenberge heran, deren Farben von Weiß über Grau in tiefes Schwarz übergehen. Schon sieht man die Regenschleier, die sich an den Gebirgshängen etwas weiter östlich bilden. Es ist zwar erst 5 Uhr Nachmittag, dieses Unwetter mit dem Motorrad zu durchfahren, das muss aber jetzt auch nicht unbedingt sein und ich halte nach einem Hotel Ausschau. Gleich einige Kilometer weiter erblicke ich links ein passabel aussehendes Gebäude. Im Erdgeschoss ein nettes Restaurant, außen herum ein paar Geschäfte und eine Tankstelle. Passt, denke ich mir, fahre von der Strasse runter und frage nach dem Preis. 20 Euro ist die Antwort. Ob ich das Zimmer sehen möchte. Ja bitte. Dann denke ich, mich trifft der Schlag. Ein vollkommen verranztes Dreckloch mit Betten, in denen die Uroma des Besitzers wohl schon geschlafen hat, erwarten mich. Ungläubig frage ich: „20 Euro – dafür?!“ „Ja, Du hast aber eigens Bad.“ Ich werfe einen Blick ins Bad, die Klobrille fehlt und auch sonst würde ich hier wahrscheinlich nur mit Endurostiefeln hineingehen. „Das zahle ich nicht“ ist meine Antwort. „Wieviel?“ „10 Euro“ ringe ich mir ab, „aber mit Frühstück!“ Palaver zwischen den beiden, die mir das Zimmer zeigen, schließlich: „Nein, 20 Euro!“ Ohne ein weiteres Wort drehe ich auf dem Absatz um und kann noch Kilometer weiter nur den Kopf über diese Frechheit schütteln. Direkt am Stadtrand von Shkoder sehe ich wieder eines. Ein kompletter Neubau. Für 25 Euro bekomme ich ein Zimmer, in dem ich wohl der erste oder zweite Gast bin – so kann es gehen.

Nicht weit ist es von hier zur montenegrinischen Grenze, die direkt durch den Shkoder See führt. Meine Entscheidung fällt auf den kleinen Grenzübergang bei Sukobin. Die Strasse finde ich wieder nur mit Fragen, Beschilderung gibt es keine. Jetzt endlich kann ich mir vorstellen, was man beim ADAC mit „schlechter Strasse“ meinte. Diese ist tatsächlich in einem erbärmlichen Zustand aber was soll’s, 225 mm Federweg vorne und 180 hinten bügeln die gröbsten Unebenheiten platt. Die Ausreise ist ein Klacks. Ein weiterer Stempel und ab geht es ein paar hundert Meter weiter an den nächsten Schlagbaum. Der ist zu. Davor stehen 4 Autos und das schon eine ganze Weile, wie es aussieht. Zwei Deutsche sind dabei und ich frage, was los sei. „Wissen wir nicht, die Uniformierten laufen hier nur rum, machen aber sonst nichts.“ Die Vermutung liegt nahe, dass der Übergang nicht durchgängig geöffnet ist. Um kurz nach Halb Acht lässt man sich herab und winkt den ersten Automobilisten heran. Dann dauert es wieder, bis die ganzen Daten im Computer sind, das Fahrzeug eingetragen wurde und es endlich weiter geht. 

Bisher hatte ich immer Glück und an den Grenzen sprang die Kuh sofort an, diesmal leider nicht. Unter den Augen des Oberzöllners bocke ich die Fuhre auf und hüpfe wieder auf dem Kickstarter herum. Das wird nichts, ist mir bald klar. Den immer grimmig blickenden Montenegrinischen Uniformträger zu bitten, mal kurz mein verdrecktes Krad anzuschieben, verkneife ich mir und probiere es nach dem gestrigen Erlebnis selbst. Prompt zündet der Motor nach den ersten Metern und ab geht es auf ein kurviges Sträßchen in die südliche Teilrepublik des ehemaligen Jugoslawiens.

Die Strecke ist super, kann ich auch keinerlei Gemeinsamkeiten mit dem Verlauf auf meiner Karte ausmachen. Kein Ortsname, kein Hinweisschild finde ich auf ihr wieder. Mehrmals halte ich an und frage: „Dubrovnik?“ Stets ist Nicken die Folge und man deutet geradeaus die Landstrasse hinunter. Den langen, mautpflichtigen Sozina Tunnel hätte ich bei meiner Streckenplanung gar nicht passieren müssen. Genau vor dem stehe ich jetzt aber. Die Antwort eines Polizisten, den ich mir erdreiste, in seinem Auto beim Zeitungslesen mit einer Frage nach dem richtigen Weg zu stören, geht in die gleiche Richtung. Seltsam. Ich knipse mein Licht an, bin froh, dass ich wenigstens das soweit hinbekommen habe und fahre die 6 km lange Röhre hinunter zum Meer.

Die E65 ist der absolute Traum. Perfekt ausgebaut windet sie sich oberhalb der kleinen Ortschaften entlang des Meeres. Grandios ist die Aussicht auf das vorgelagerte Sveti Stefan. Bei Kotor besteht die Möglichkeit, den Fjord-ähnlichen Einschnitt mit einer kurzen Fährpassage abzukürzen oder über eine winzige Strasse auszufahren. Ich entscheide mich für letzteres. Hier kann man es aushalten. Kleine Buchten, keine Hektik und alles in einer ursprünglichen Umgebung. Die Häuser sind unverputzt, die Mauern aus groben, naturbelassenen Steinen. All Inclusive ist hier ein Fremdwort. Einer der wenigen Orte in Europa, an dem ich mir vorstellen könnte, Urlaub zu machen.

Mit der Grenze zu Kroatien erreiche ich endgültig die EU. Ab jetzt ist „Durchwinken“ angesagt. So sehr ich am Beginn meiner Reise fast eine Freude hatte am Einreiseprozedere, so sehr hat es mich am Ende genervt. Gespannt war ich lediglich auf die kurze Strecke Bosnien und Herzegowina, die den kroatischen Küstenstreifen unterbricht, doch hier gibt es glücklicher Weise eine Transit-Regelung. Den kroatischen Küstenstreifen kenne ich vergleichsweise gut. Erst Ostern war ich mit der GS in Split, schieße daher von einem Aussichtspunkt oberhalb Dubrovniks einige Bilder und setze mich dann auf die Autobahn hinauf nach Norden.

8.000 km habe ich nun hinter mir, 108.000 sind es auf dem Tacho insgesamt. Langsam macht die Q darauf aufmerksam, dass sie etwas mehr Zuneigung möchte. Abgesehen von der Elektrik und dem siffenden rechten Gabelsimmering sind die Vergaser hoffnungslos verstellt, die Karre steht vor Dreck, aus einer Bohrung am linken Vergaser tropft ab und an etwas Sprit, der den Gummi an der Schaltwippe zerstört hat. Der rechte Alukoffer hat sich auf den schlechten Strassen und dem Geholper leicht nach innen geneigt und die Abdeckung zum Lager am Hinterradantrieb abgeschlagen sowie deutliche Spuren am Faltenbalg, der den Kardan schützt, hinterlassen. Alles leichte Blessuren, in Summe aber ein Zeichen dafür, dass es Zeit wird, heimische Gefilde aufzusuchen.

Noch ein Mal gönne ich mir etwa 150 km vor Rijeka ein Zimmer oberhalb einer Gostilna, trinke das leckere kroatische Bier, schreibe meinen Tagebucheintrag und betreibe Kartenstudium für den kommenden Tag. Doch diese Übung ist leicht. Ab hier ginge es auch ohne.

Die Grenze zu Slowenien passiere ich nördlich von Delnice in Brod na Kupi. Nachdem die Slowenen mit den Gebühren für ihre paar Meter Autobahn vollkommen den Vogel abschießen, führt mich mein Weg direkt durch Ljubljana hindurch in Richtung Kranj. Es ist Sonntag. Von früher weiß ich, dass es verkehrstechnisch kein Problem ist und sehr gut ausgeschildert. Schon mittags stehe ich daher am Loibel Pass, durchquere den stets saumäßg kalten Grenztunnel zu Österreich, kaufe die Autobahnvignette in Klagenfurt und fülle den Tank noch ein letztes Mal bis zum Rand. Ein Stau vor dem Tauerntunnel lässt mich auf die Passtrasse ausweichen. Es folgen Hallein, Salzburg und die Grenze am Walserberg.

Das Wetter ist traumhaft. Die Sonne gibt Anfang September ihr Bestes. Links neben mir ragt der Watzmann majestätisch in den tief blauen Himmel. Gestern, so scheint es mir, bin ich auf dieser Strecke in die andere Richtung gefahren, far, far away von Slade in den Wind brüllend und mit dem Ziel, eine alte Burg in Syrien zu besichtigen.

An mir vorbei rasen zwei Biker mit nur einer kleinen Tasche auf dem Rücksitz. Ich habe die Füße auf den Sturzbügeln und lehne entspannt am Packsack hinter mir. Noch zwei Ausfahrten, noch eine, dann geht es runter von der A8. Ein paar Kilometer Landstrasse und ich bin zu Hause. Im Sitzen klappe ich den Seitenständer nach vorne, drehe den Zündschlüssel nach links und das Bollern des Motors erstirbt.

Im Prinzip müsste ich nur Tanken...